Die Unerbittlichkeit des rasenden Lebens

„Sideways Rain“, das faszinierende Stück des Choreographen Guilherme Botelho, wurde zum Osterfest-Finale in der Dogana aufgeführt.

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Von Ursula Strohal

Innsbruck –Aus dunklen Kulissen löst sich ein Menschenstrom. Es ist kein Beginnen, der Zuschauer steigt ein in einen ewigen Fluss. Körper krabbeln auf Händen und Zehenspitzen von links nach rechts, es werden immer mehr, die Richtung und die Ordnung in drei Bahnen bleiben eine Stunde lang dieselbe. Links-rechts. Vierzehn Tänzerinnen und Tänzer in unaufhörlicher Bewegung.

Das Krabbeln wird schneller, geht in eine Drehbewegung über, sie kriechen, robben, schieben sich, über den Rücken, über den Oberschenkel wie Versehrte. Die Körper wachsen, es dauert, bis der erste Mensch steht. Dann laufen, springen, drehen, hüpfen, rasen, stolpern sie vorwärts, jeder für sich, von links nach rechts.

„Sideways Rain“ heißt das fesselnde, mitreißende, momentweise irritierende Stück des in Genf lebenden brasilianischen Choreografen Guilherme Botelho, das die Genfer Compagnie Alias zum Abschluss des Osterfestivals im Congress zeigte.

Irgendwann setzt sich eine Frau zwischen den Läufern nieder, bleibt ein Mann stehen, aber sie entkommen dem Schicksal nicht, fügen sich ein, laufen. Lechts rinks gibt es nicht, nur die Illusion davon. Ein Mann versucht, Menschen aufzuhalten, streckt die Hand aus, es gelingt nur für Momente. Die Evolution, der Strom der Existenz reißt alles mit. Zeit und Raum sind aufgehoben. In pessimistischer – wie man erkennt realistischer Unerbittlichkeit. Es kommt der Moment, wo man sich fragt: Was macht dieses Stück mit mir?

Schwindel steigt auf, vergeht durch kurzes Abwenden des Blicks. Man sieht den Bühnenboden als Fließband, und sich nach links bewegen, wenn ein Tänzer ruhig zwischen in rasender Geschwindigkeit rollenden Körperkugeln steht. Zu den optischen Täuschungen kommen die Bilder im Kopf, Menschenmassen, Tiere, Wellen, Getriebene. Ziele, die alle anstreben und die keine sind, Widerstand, der bricht, Vergangenheitssuche ins Leere, Ortlosigkeit. Immerwährendes Vorwärts, endlos. Immerhin: Was sich sehr deutlich abhebt in diesem Bewegungsstrom, ist die Individualität der Tänzer. Einzige Gegenbewegung: ein blutrotes Bündel.

Die Tänzerinnen und Tänzer sind bis zum Äußersten gefordert. In den Sog zieht auch die Musik von Fernando Corona, der sich Murcof nennt, elektronische, dem Minimal nahe Musik aus kurzen Rhythmen, Ton, Geräusch, die an- und abschwillt und, die Zeitlosigkeit vertiefend, die Geräusche der Tänzer schluckt. Musik und Bewegung verschmelzen hier ganz eng. Stille, dann helle Begeisterung in der Dogana.


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