„Dann liegen S‘ da drüben!“

Beeinträchtigt? Ja. Wehrlos? Auf keinen Fall! Blinde und sehbehinderte Menschen lernen in einem speziellen Kurs, ihre Opferrolle abzulegen.

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Von Michaela Spirk-Paulmichl

Völs –„Wenn S‘ so weitermachen, liegen S‘ gleich da drüben!“ Es sind überraschend kämpferische Töne, die plötzlich aus dem Mund der netten Dame kommen. Gerade noch hat sie ihrem Gegenüber zugelächelt, jetzt sieht sie ihm beinahe entschuldigend ins Gesicht. „Raus aus der Opferrolle!“, ruft der Trainer ihr und den anderen Schülern des Selbstverteidigungskurses zu. „Ihr müsst richtig laut werden, das schreckt die Täter ab!“

Bei der Übung lernen die 84-jährige Lea und die anderen Teilnehmer, sich verbal gegen mögliche Angreifer zu wehren. Danach geht es richtig zur Sache. Auf Anweisung strecken die fünf Schüler die Hände vor ihren Körper. „Sie sind eure Fühler, euer Schutzschild!“, ruft Michele de Lucia, Leiter der Wing-Tsun-Schule in Völs. Die 250 Jahre alte chinesische Kampfkunst eigne sich besonders für das Training mit blinden und sehbehinderten Menschen, meint er später. Denn dabei seien besonders die taktilen Fähigkeiten gefragt, das Fühlen. Gegen den plötzlichen Faustschlag ins Gesicht sei natürlich nur schwer anzukommen. Doch wenn sich ein Angreifer langsam nähere, dann könnten darauf auch Menschen mit Beeinträchtigung reagieren und sich entsprechend schützen.

Gemeinsam mit Kurt Lorbek, Mitarbeiter des Tiroler Blinden- und Sehbehinderten-Verbands und Wing-Tsun-Kämpfer, trainiert er die Teilnehmer des Spezialkurses einzeln, anschließend üben diese zu zweit weiter. Jetzt ist Schlagkrafttraining an der Reihe. Eine Hand ertastet das Ziel, die zweite folgt nach. Michele de Lucia: „Jetzt üben wir, richtig draufzuhauen.“

Lea Hinterwaldner hat sich bei dem Kurs angemeldet, um sich sicherer zu fühlen. Das Sehvermögen der ältesten Teilnehmerin ist wegen einer Makuladegeneration eingeschränkt. „Wenn mich jemand angreift, will ich mich verteidigen können.“ Tritte gegen Schienbein und Knie oder in den Schritt, all das könne ihr im Ernstfall helfen. „Man hört so viel von Handtaschenräubern“, sagt die wehrhafte 84-Jährige. „Mit mir nicht!“ Schon als junges Mädchen habe sie Kampfsport trainiert. „Ich habe damals viel Auto gestoppt. Als mich einmal ein Fahrer nicht aussteigen lassen wollte, habe ich den ,Todeszug‘ gemacht.“ Danach sei er sofort stehen geblieben.

„Ich hoffe natürlich, dass mich niemand angreift“, sagt Nicole Wimmer aus Innsbruck, die 24-Jährige ist vollblind. „Aber wenn es doch einmal passiert, dann soll der Angreifer noch lange daran denken.“ Denn sie habe vor, sich energisch zur Wehr zu setzen. „Ich will kein Opfer sein“, sagt die Sekretärin, die schon einmal „betatscht“ worden sei. Einen früheren Selbstverteidigungskurs gemeinsam mit Sehenden habe sie abbrechen müssen. „Die anderen sind mir immer auf die Füße gestiegen.“

Treten, was das Zeug hält, sich mit Schlägen aus Würgegriffen befreien – oft sind es simple, aber effektive Methoden, die aus einem Opfer einen Gegner machen. Und manchmal genügt auch schon ein selbstbewusstes Auftreten, um einen Angreifer abzuschrecken. „Ich könnte ihn erledigen“, sagt Lea. Und zu ihrer Übungspartnerin Nicole: „Habe ich dich wohl nicht zu fest erwischt?“


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