Ukrainischer Präsidentenarzt entpuppte sich als Hochstapler

Er galt als genialer Hirnchirurg und sogar Wunderheiler – selbst Präsident Viktor Janukowitsch vertraute dem Mediziner. Tatsächlich ist Andrej Sljusartschuk aber ein einfacher Näher.

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Kiew – Der Name Andrej Sljusartschuk ist in der Ukraine jedem ein Begriff. Seit Jahren ist der Hirnchirurg berühmt, er hat ein fotografisches Gedächnis und begleitet mitunter Präsident Viktor Janukowitsch als medizinischer Beistand auf Auslandsreisen. Manche nennen ihn sogar Wunderheiler, andere haben ihn aufgrund seiner Fähigkeiten, sich Zahlen mit Millionen Ziffern merken zu können, „Doktor Pi“ getauft. Er hat beste Kontakte in die ukrainische Politik, seine Kollegen schätzen und ehren ihn. Sie zweifeln keinen seiner Handgriffe an.

Seit einigen Wochen ist Andrej Sljusartschuk aber noch ein Stück berühmter, berichtet die Nachrichtenplattform „Spiegel Online“. Nicht, weil er wieder mit einer besonderen Operationstechnik auf sich aufmerksam gemacht hat. Nicht, weil ihm der Präsident wieder einen hochdotierten Wissenschaftspreis verliehen hat. Oder gar, weil ihm Ex-Präsident Viktor Juschtschenko ein eigenes „Institut der Gehirnforschung“ gewidmet hat.

Jeder Ukrainer kennt den Mediziner aus einem anderen Grund: Andrej Sljusartschuk ist kein Mediziner. Er ist ein Hochstapler.

Interview als Auslöser

Den Stein hat die Redakteurin Switlana Martinets der ukrainischen Zeitung „Expres“ ins Rollen gebracht. Zunächst eigentlich unbewusst, denn sie wollte den großen Hirnchirurgen im vergangenen September interviewen und ein Porträt über ihn verfassen. Als ihre Fragen zu persönlich wurden, verlor der angebliche Mediziner die Fassung. „Ich werde Ihr Gehirn gegen die Wand schleudern. Ich werde mit Ihrem Blut die Wände beschmieren“, soll ihr der 41-jährige Hochstapler entgegengeschleudert haben.

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Dabei hatte das Interview normal angefangen. Wie so oft hatte Sljusartschuck von seiner Kindheit, dem frühen Tod seiner Eltern und der Promovierung mit 21 Jahren erzählt. Als Martinets nach alten Freunden und Verwandten zu bohren begann, war es um die Fassung des Mediziners geschehen.

Journalistin unter Druck

Er ließ die Journalistin beschatten, versuchte, sie bei ihrem Arbeitgeber in Misskredit zu bringen. Doch damit erreichte er genau das Gegenteil. Die Redaktion witterte dunkle Geheimnisse im Umkreis des Mediziners und nahm die Recherche auf.

Tatsächlich brachte die Suche schnell Erfolge. Martinets stieß auf eine Reihe von Todesfällen, die der Chirurg während seiner Operationen verursacht hatte. So starb eine Elfjährige 2008 nach einem Eingriff am Gehirn. Nach der Qualifikation des vermeintlichen Wunderarztes hatte sich im Vorfeld niemand erkundigt. In einem anderen Fall soll Sljusartschuk eine Operation übernommen haben, nachdem ihm die Frau des Opfers darum gebeten hatte. In Shorts und Turnschuhen habe er den Operationssaal betreten, berichtete die Reporterin nach gründlichen Recherchen. Die Assistenzärzte hatten zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewagt, ihn zu kritisieren. Später berichteten sie dann aber von Blutströmen während des Eingriffs, die der berühmte Kollege aus der Hauptstadt nicht in den Griff bekommen konnte. Er habe „Patienten zu Tode operiert“, hieß es im Nachhinein.

Hochstapler aufgeflogen

Je tiefer Martinets grub, desto unfassbarer wurden die Vertuschungsversuche des Arztes. Sie fand heraus, dass er sämtliche Diplome und Doktortitel gefälscht hatte. In Wahrheit hatte er niemals eine Uni von innen gesehen. Mindestens zwölf Menschen sollen durch seine Hand gestorben sein.

In Wahrheit war Andrej Sljusartschuk ein einfacher Näher, der von seiner Mutter nach der Geburt in ein staatliches Heim abgegeben worden war.

Mittlerweile hat der Hochstapler den Medizinkittel gegen eine Gefängniskluft gewechselt, er sitzt bis zu seiner Verurteilung in U-Haft. Viktor Janukowitsch hat unterdessen angekündigt, Switlana Martinets einen Orden für „Verdienste um die Festigung von Gesetz und Ordnung“ verleihen zu wollen. (rena)


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