2367 Flüchtlinge tauchten in die Illegalität ab

Tausende Menschen leben illegal in Österreich. Das Innenministerium versucht das einzudämmen, ein Beratungsprojekt hilft den Flüchtlingen.

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Von Matthias Christler

Innsbruck, Wien –Das Face­book-Konto gibt es nicht mehr. Gelöscht, um niemandem einen Hinweis auf den Aufenthaltsort zu geben. Der 19-jährige Armenier Narek H. verschwand im Herbst einen Tag vor seiner Abschiebung aus dem Flüchtlingsheim in Imst. Seitdem versteckt sich der junge Mann, der beim Tiroler Judoverband als Zukunftshoffnung galt, vor der Fremdenpolizei.

Genau 2367 Asylwerber tauchten im vergangenen Jahr genauso wie Narek H. ab – weil sie kurz vor der Abschiebung standen oder von Anfang an keine Chance auf einen legalen Aufenthalt sahen. Dazu kommen noch jene Flüchtlinge, die sofort verschwinden, ohne von einer Behörde bei der Ankunft in Österreich erfasst zu werden.

Im Jahr 2010 lag der Anteil der untergetauchten Asylwerber bei 27 Prozent. Im Innenministerium führt man den Rückgang auf 16 Prozent darauf zurück, dass seit Mitte 2011 die Asylwerber in der ersten Woche das Erstaufnahmezentrum nicht verlassen dürfen. Im Rahmen des so genannten Zulassungsverfahrens in den ersten Tagen setzen sich trotzdem noch die meisten Flüchtlinge ab. Konkret gesucht wird laut Innenministerium nicht nach ihnen. Das könnte sich ändern.

Mit der Polizeireform 2013 kommt es zu einer Personalverschiebung: Die Fremdenpolizei wird um ca. 750 Beamte aufgestockt: „Das bedeutet aber nicht, dass wir dann Legionen von Beamten mit Hubschraubern durch Tirol schicken, wenn jemand sich der Abschiebung entzieht“, sagt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums. Wenn sich jemand illegal im Land aufhalte, sei das eine Verwaltungsübertretung. „Natürlich wird dem nachgegangen, aber das ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Wir gehen davon aus, dass die Person früher oder später bei einer Kontrolle aufgegriffen wird“, fügt Grundböck hinzu.

Dass es sehr wohl jetzt schon „stichprobenartige Kontrollen“ gibt, räumt Herbert Auderer vom Innsbrucker Projekt Fluchtpunkt ein. Mit der Angst im Nacken wenden sich die Betroffenen an diese niederschwellige Einrichtung, die sich illegalisierter Flüchtlinge annimmt. „Das Hauptproblem für diese Menschen, die vom Staat illegalisiert werden, sind Obdachlosigkeit und fehlende medizinische Versorgung. In Wien oder Graz gibt es bereits Ambulanzen für Menschen ohne Krankenversicherung. Bei uns fehlt das.“

Zu hohe Kosten für eine Behandlung. Kein Geld für das tägliche Essen. Keine Aussicht auf eine legale Arbeit. Der Weg zu einer Aufenthaltsgenehmigung scheint aussichtslos, jener von der Illegalität hinein in die Kriminalität einfacher und schneller.

Von vielen Flüchtlinge bekommt aber weder die Fremdenpolizei noch das Projekt Fluchtpunkt etwas mit. Das sind Personen, die im Familienverband versteckt bleiben oder auch Frauen in der Zwangsprostitution. „Die haben keine Chance, zu einer Beratungseinrichtung zu kommen oder einen Asylantrag zu stellen“, bedauert Auderer.

Ein Mann habe ein Jahr lang seine Wohnung nicht verlassen, um nicht kontrolliert zu werden. Im zweiten Jahr sei er nur sporadisch rausgekommen. „Untergetaucht zu sein, heißt eben auch ein Leben in der Angst vor der Abschiebung.“

Wer keinen Unterschlupf in einem Familienverband findet, sucht den Kontakt zu Landsleuten. Innsbruck hat den Ruf, für Nordafrikaner attraktiv zu sein. In Linz kommen Flüchtlinge aus Afghanistan zusammen. Nigerianer zieht es mehr in den Süden. „Für jede Nationalität gibt es bevorzugte Gebiete“, erklärt Günther Kern, der als Heimleiter in Imst auch Narek H. besser kennen gelernt hat. Kern vermutet, dass Narek einen anderen Weg wie die meisten Flüchtlinge eingeschlagen hat – hin zu seiner Freundin in eine andere österreichische Landeshauptstadt. In einem seiner letzten Facebook-Einträge stellte Narek seinen Beziehungsstatus auf „verlobt“. Kern ist sich sicher, dass Narek noch länger untergetaucht bleibt: „Er wird nur auffliegen, wenn er einer Polizeistreife über die Füße stolpert.“


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