Voller Unterhalt: Arzt haftet für Kind nach Fehlberatung

Obwohl eine Tirolerin unter allen Umständen die Geburt eines behinderten Kindes verhindern wollte, riet ihr Frauenarzt von einer Fruchtwasseruntersuchung ab. Er muss laut Obersten Gerichtshof lebenslangen Unterhalt für das Kind leisten.

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Von Reinhard Fellner

Innsbruck, Wien –In einer erstmals für Westösterreich getroffenen Entscheidung hat der Oberste Gerichtshof (OGH) jetzt das Innsbrucker Oberlandesgericht bestätigt, wonach ein Tiroler Frauenarzt von Eltern eines behinderten Kindes für den gesamten Unterhalt zu haften habe.

Grund für die Haftung ist nach Ansicht der Höchstrichter ein Beratungsfehler gegenüber der damals schwangeren Tirolerin. Demnach habe die Mittedreißigerin ihren Frauenarzt „explizit darauf hingewiesen, dass sie aufgrund ihrer familiären Situation kein behindertes Kind haben wolle“. Auch habe sie aufgrund ihres Alters und Verhütungspraktiken „ein schlechtes Gefühl“, dass das Kind eventuell nicht gesund sei. Aufgrund der Gesamtumstände fragte die Mutter aufgrund der Nackenfaltenuntersuchung den Mediziner auch ausdrücklich um eine Fruchtwasseruntersuchung. Der Arzt führte bei der Frau dann jedoch nur eine biochemische Untersuchung des Blutes (Treffsicherheit 85 %) anstatt der nachgefragten Fruchtwasseruntersuchung (Treffsicherheit 100 %) durch. „Bei der Fruchtwasser­untersuchung hob er jedoch ein Fehlgeburtrisiko hervor, ohne auf die Wahrscheinlichkeit von einem Prozent hinzuweisen. Somit hat er die Frau tendenziös und suggestiv von einer Entscheidung für die Fruchtwasseruntersuchung abgehalten“, urteilte der Oberste Gerichtshof.

Sinn und Zweck der pränatalen Diagnostik ist es laut OGH aber gerade, Eltern im Fall zu erkennender schwerwiegender Behinderungen die sachgerechte Entscheidung über einen gesetzlich zulässigen Schwangerschaftsabbruch zu ermöglichen.

Der Innsbrucker Anwalt Wilfried Plattner musste für die Eltern des schwer behinderten Kindes durch alle Instanzen gehen und bekam vorerst 64.372 Euro zugesprochen. Liegt keine grobe Fahrlässigkeit vor, dürfte den künftigen Unterhalt die Haftpflichtversicherung des Arztes bestreiten.

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