Kritik an hohen Kosten bei Heimbetten

Die Errichtung eines Alten- und Pflegeheims ist für Gemeinden stets eine finanzielle Herausforderung. Doch es gibt enorme Preisunterschiede zwischen einzelnen Heimen.

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Von Marco Witting

Innsbruck –Es geht um Millionen. Es geht um die Zukunft und die Zeit drängt, denn die demografische Entwicklung zwingt zum Handeln. Jede Gemeinde in Tirol muss sich mittlerweile mit dem Bau eines Alten- und Pflegeheims auseinandersetzen. Für die Kommunen eine Herausforderung – logistisch und finanziell. Und da kommt die Diskussion um den Bau eines Heims ins Spannungsfeld: zwischen Funktionalität, Prestigeobjekt, finanziellen Nöten und einer wichtigen Einrichtung für ältere Mitmenschen.

Seit dem vergangenen Jahr verfügt beispielsweise das Pillerseetal über ein neues, hochmodernes Sozialzentrum. Noch sei nicht alles endgültig abgerechnet, aber der Fieberbrunner Standortbürgermeister, Josef Grander, rechnet mit Kosten von 16 bis 16,5 Millionen Euro für den Bau. Viel Geld. Dafür gibt es nicht nur 80 Betten, sondern unter anderem auch Plätze für Tagesbetreuung und Kindergarten. Doch goldene Knöpfe gebe es deshalb im neuen Gebäude keine. „Funktionell und nicht übertrieben“ sei es. „Und man muss immer bedenken, dass sich die Menschen hier ja länger aufhalten als in einem Krankenhaus“, sagt Grander. Das neue Haus werde sehr gut angenommen, die Leitung sei „super“.

Kritik an scheinbar ausufernden Kosten (ursprünglich waren die Kosten des Projekts mit 13 bis 14 Mio. Euro veranschlagt), kontert Grander energisch. „Das waren alte Schätzungen. Da sind enorm gestiegene Baukosten und die Inflation dazugekommen.“ Dass es im laufenden Betrieb einen Abgang gegeben habe, hätte man einkalkuliert, sagt er, das werde sich einschleifen. Und Grander spricht aus, was viele Bürgermeister und Gemeinderäte in den Bezirken denken: „Wenn wir es um 500.000 Euro schaffen, dass sich die Menschen im Haus wohler fühlen, dann haben wir viel erreicht.“

Aktuelle Beispiele gibt es viele. In Arzl im Pitztal fand im März den Spatenstich für ein Wohn- und Pflegeheim statt. Die nicht minder beeindruckenden Zahlen: 8,89 Millionen Euro für 52 Heimplätze. Auch hier gibt es zusätzliche Einrichtungen – Großküche, Räume für den Sprengel, Tagesbetreuung. Und dazu eine einjährige Bauverzögerung und Tausende Euro Zusatzkosten für eine europaweite Ausschreibung, die bei einem Bau dieser Größe nötig war.

Geld, das auch aus dem Wohnbauförderungstopf kommt. LHStv. Hannes Gschwentner, in dessen Zuständigkeit der fällt, ortet denn auch prompt enorme Schwankungen innerhalb Tirols, was die Kosten anbelangt. Einzelne Projekte will er bewusst nicht nennen, aber: „Kostet der Bau eines Heimplatzes in Innsbruck 90.000 Euro, so gibt es andere Beispiele mit doppelt so hohen Kosten.“ Und das, obwohl es stets heißen würde, in der Landeshauptstadt sei es besonders teuer.

Für Gschwentner würden manche Gemeinden die Grundsätze der Sparsamkeit „außer Acht lassen“ und nicht bedenken, dass die Bauten oft auch sehr hohe Folgekosten mit sich bringen. Gschwentner fordert deshalb klare Richtlinien. Funktionalität sei gefragt. Man müsse Maßnahmenpakete bei Neubauten überlegen. Ein Architektenwettbewerb alleine reiche letztlich nicht aus. Gschwentner fordert klare Betriebskostenrechnungen durch die Gemeinden ein.

In Ostösterreich gebe es hervorragende Einrichtungen, die um 85.000 Euro pro Bett errichtet wurden. In Tirol verweist er hingegen auf Projekte mit Kosten von bis zu 170.000 Euro pro Bett.

Bei der Stadt Wien erklärt man auf Anfrage der TT, dass es keine aufgeschlüsselten Zahlen zu den Kosten pro Bett gebe. Diese seien stark davon abhängig, welche Ausstattung für welche Pflegestufe es gibt. Die dortigen Heime seien jedoch wesentlich größer. So seien Einrichtungen mit 130 Plätzen am „unteren Ende der Größe“ angesiedelt.

Gschwentner, der seine Kritik bereits mehrfach bei den Gemeinden angebracht hat, kennt die Gegenargumente. „Dann heißt es immer, mir seien die alten Leute nichts wert. Das stimmt nicht. Aber man muss auch auf die Wirtschaftlichkeit schauen. In 20 Jahren gibt es doppelt so viele Menschen mit Pflegebedarf. Und auch da muss das Pflegesystem auch noch finanzierbar sein.“

In der Planungsphase ist man derzeit in Osttirol. Dort soll in Nußdorf-Debant ein mögliches viertes Heim entstehen. Dem Leiter der Osttiroler Altenheime, Franz Webhofer, sind die großen „Bandbreiten bei den Kosten“ bekannt. Für die neue Einrichtung kalkuliere man pro Platz 130.000 Euro. „Das geht sich aus, wenn man pro Person nicht mehr als 60 Quadratmeter, inklusive der gemeinsamen Infrastruktur wie Speisesaal, baut.“

Zum Vergleich: Zuletzt wurde 2004 in Sillian ein Heim gebaut, das 2009 vollständig belegt war. Die Errichtungskosten pro Heimplatz damals: 116.500 Euro.


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