Breivik-Prozess

Der Bombenanschlag von Oslo: Erste Zeugen sagten aus

Ein Wachmann schilderte, wie er den weißen Lieferwagen entdeckte, in dem Anders Breivik eine Bombe versteckt hatte. Der Einsatzleiter der Polizei sprach dann von den Minuten nach dem Anschlag, bei dem acht Menschen starben.

Oslo – Acht Menschen starben, als Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 im Osloer Regierungsviertel eine Bombe zündete. Etliche Passanten wurden schwer verletzt. Am Dienstag sagten die ersten Zeugen des Attentats aus.

Als Erster betrat Sicherheitsmann Tor-Inge Kristoffersen den Zeugenstand. Er war an diesem Tag auf einen weißen Lieferwagen aufmerksam geworden, der an der Straße abgestellt war. An einer Stelle, an der Parken nur nach Absprache mit dem Wachpersonal erlaubt war. Er beobachtete auf den Bildern der Überwachungskameras, wie ein Mann in einer Unform ähnlich der eines Sicherheitsmannes ausstieg und verschwand. Gerade wollte er das Nummernschild auf dem Bildschirm vergrößern, als der Wagen plötzlich in die Luft flog. Es habe wie ein „Brüllen“ geklungen.

Das ganze Gebäude habe gewackelt, die Hälfte der Kameras sei ausgefallen, schilderte er. Das interne Kommunikationsnetz brach zusammen. Der Feueralarm ging los. Er rief die Polizei, gab alle Informationen weiter. „Ich sah Tote vor dem Gebäude liegen und schreckliche Zerstörungen“, sagte Tor-Inge Kristoffersen. Er habe einen Kollegen verloren.

Kiloschwere Bombenteile flogen fast 300 Meter weit

Svein Olav Kristensen ist Ingenieur und Berater im Verteidigungsbau. Die Organisation baut für das Militär Einrichtungen. Er hat anhand der Schäden die Bombe Breiviks und die Detonation rekonstruiert. Er hatte den gewaltigen Knall der Explosion bis in sein Haus, mehrere Kilometer vom Tatort entfernt, gehört. Sofort machte er sich auf den Weg und dokumentierte die Schäden. Einige seiner Aufnahmen wurden im Gerichtssaal gezeigt.

Breiviks Bombe hatte 950 Kilo, gebaut mit Kunstdünger, Diesel und Aluminium. Der Sprengsatz habe eine Sprengkraft zwischen 400 und 700 Kilogramm TNT gehabt. Die Sprengstoffexperten bauten die Bombe nach den Plänen Breiviks nach, ließen aber aus Sicherheitsgründen die 50-Kilo-Startladung weg. Die Explosion riss ein Loch mit einem Durchmesser von vier Metern in den Boden. Nach Einschätzung des Experten hatte der Feuerball einen Durchmesser von 20 bis 22 Metern. Im Umkreis von 25 Metern war die Explosion tödlich. Doch die Druckwelle rief auch noch in 40 Metern Entfernung schwerste Verletzungen hervor. Herumfliegende Bombenteile waren nicht minder gefährlich. Kiloschwere Trümmer seien noch 280 Meter entfernt gefunden worden, hieß es.

Zwei verschiedene Täterbeschreibungen

Das Chaos, das nach der Bombenexplosion vor dem Regierungsgebäude herrschte, beschrieb schließlich der Einsatzleiter der Polizei Thor Langli. Kaum sei er am Tatort angekommen, „wusste ich, dass es ein Terroranschlag war“. Er rief die Delta Force, das Sondereinsatzkommando, zu Hilfe. Schwerverletzte seien auf der Straße gelegen, Trümmerteile und Glassplitter von den Gebäuden gestürzt. Die Rettungskräfte hätten unter Einsatz ihres Lebens die Verletzten versorgt und geborgen. Anfangs gab es zwei Beschreibungen des Täters: Einmal soll es sich um einen Mann mit dunklerem Teint gehandelt haben, einmal um einen mit „nordischem Aussehen“. Deshalb gingen die Einsatzkräfte kurzzeitig auch von zwei Tätern aus. Und auch deshalb hätte der Rettungseinsatz kurzzeitig unterbrochen werden müssen. Ein Urlauber, ein Chirurg aus den USA, habe bei der Versorgung der Verletzten geholfen, berichtete der Polizist.

Langli stand neben dem Leiter der Anti-Terror-Einheit in Oslo, als nur Stunden später dessen Handy klingelte. „Ich sah in seinem Gesicht, dass etwas sehr ernstes passiert sein musste“, erinnerte sich der Polizist. Als er dann von der Schießerei auf Utøya erfuhr, schwante ihm: Das könnte derselbe Täter sein. „Ich dachte, es gebe eine Verbindung. Aber ich hatte noch keine Beweise. Dann wandte sich Langli direkt an den Angeklagten: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es zwei Menschen mit so vielen verrückten Ideen gäbe.“

Tränen flossen am Nachmittag im Gerichtssaal, als Angehörige und Überlebende mit den schrecklichen Folgen der Bombenexplosion konfrontiert wurden. Zwei Experten der Polizei beschrieben detailliert die Verletzungen, die jedes der Opfer davongetragen hatten. Den Schilderungen des Gerichtsmediziner folgte Breivik völlig emotionslos, während sich die 250 Menschen im Saal an den Händen hielten und leise weinten. (tt.com)