Natur

Zahl der Lkw auf der Straße wird heuer stark steigen

Fünf Wochen lang ist die Brennerbahn total gesperrt. Das könnte viele Frächter dauerhaft von der Schiene auf die Straße verjagen.

Von Anita Heubacher

Innsbruck –Von den 240 Zügen, die an einem Werktag über den Brenner rollen, sind 130 Güterzüge. Ab 6. Juni wird es eng. Die Geleise werden saniert. In der ersten Bauphase ist die Strecke nur eingleisig zu befahren, fünf Wochen lang wird sie überhaupt gesperrt. Dauer der Sperre ist von 6. August bis 10. Sep­tember.

Für den Gütertransport mit der Bahn sind das keine rosigen Aussichten. „Das ist eine mittlere Katastrophe“, erklärt Harald Schmittner, Geschäftsführer der Rail Traction Company (RTC) mit Sitz in Bozen. Sein Unternehmen hat einen Marktanteil von rund 50 Prozent. Mit rund 8000 Zügen im Jahr transportiert RTC fünf Millionen Tonnen Nettogewicht. Das sind rund 200.000 Lkw-Fahrten. Schmittner glaubt, dass er etwa fünf Prozent seiner Kunden für immer verlieren könnte. Das hieße dann, dass noch mehr Gütertonnen auf der Straße transportiert würden.

Den Verlagerungseffekt in die falsche Richtung, also von der Schiene auf die Straße, fürchtet auch der Leiter der Abteilung Verkehrsplanung im Land, Leo Satzinger. Durch die Bahnsperre müssten die Frächter zu lange Wege und einen zu hohen Zeitverlust in Kauf nehmen.

Satzinger rechnet damit, „dass die Zahl der Lkw heuer im Sommer stark ansteigen wird“. Die Rollende Landstraße (RoLa) entfalle zur Gänze, das sektorale Fahrverbot, das Massengüter auf die Schiene verbannte, gebe es nicht mehr. Das Land hatte verschiedene Varianten bezüglich der Brennerbahn diskutiert. „Es ist eigentlich in Europa unüblich, dass eine Bahnstrecke so lange gesperrt wird“, meint Satzinger.

Unüblich ist für Schmittner noch ein Hilfsausdruck. „Es käme niemand auf die Idee, eine Autobahn wochenlang zu sperren. Bei einer der wichtigsten Eisenbahnstrecken macht man es.“

Südlich des Brenners ist man richtig sauer. Denn Südtirol habe es auch geschafft, die Bahn zu sanieren, ohne sie total zu sperren. 95 Prozent ihrer Züge muss RTC über die Tauernachse umleiten. Das ist ein Umweg von 300 km. Noch dazu käme, dass auch der eingleisige Betrieb der Brennerstrecke hohe Risiken bergen würde, kritisiert Schmittner. „Es braucht nur einmal eine Mure abgehen oder ein Zug Verspätung haben, dann steht alles.“

Die Mehrkosten müsse RTC, aber auch die Kunden tragen. „Die Kunden haben sich bereits Kapazitäten auf der Straße gesichert, und zwar nicht nur für fünf Wochen, sondern für längere Zeit.“

Auch die Nachbarn im Norden haben mit der Sanierung der Brennerbahn keine Freude. Das Unternehmen Lokomotion mit Sitz in München fährt mit rund 6500 Zügen über den Brenner. „Die Totalsperre ist hammermäßig und unnötig“, meint Prokuristin Ruby van der Fluis. Man habe gemeinsam mit RTC viele Gespräche mit Politikern in Bayern, Nord- und Südtirol geführt. Auch bei Lokomotion wird befürchtet, dass Kunden dauerhaft von der Schiene auf die Straße umsteigen.

Auch die Rollende Landstraße werde Kunden verlieren, fürchtet ÖBB-Pressesprecher Rene Zumtobel. Die RoLa fährt pro Werktag mit 40 Zügen über den Brenner. Das Angebot würde zuerst reduziert und bei der Totalsperre ganz eingestellt. „Eine Umleitung der RoLa macht keinen Sinn.“

Dass die Sperre bis in den September hineinreicht, hat sich laut Zumtobel nicht verhindern lassen. Im September springt der Gütertransport stark an. Dass da am Brenner nichts geht, schmerzt die Logistiker besonders.