Missglückte Revolution von oben

Nikolaj Arcel erzählt in „Die Königin und der Leibarzt“ ein berührendes Kapitel der europäischen Aufklärung.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Marie Antoinette musste 1770 bei ihrer Übergabe von den Österreichern an die Franzosen in Straßburg in einem für diesen symbolischen Akt errichteten Badehaus ihre Kleider abgeben, da nichts an ihre Herkunft erinnern sollte. Eine eher formlose Übergabe wählen die Dänen in Nikolaj Arcels „Die Königin und der Leibarzt“.

Caroline Mathilde (Alicia Vikander), die Schwester von King George III., wechselt 1768 nur die Kutsche. König Christian VII. (Mikkel Følsgaard) würdigt die Braut keines Blickes, schließlich ist diese Verbindung seit der Kindheit beschlossene Sache. Romantik geht anders. Im Kopenhagener Schloss lässt sich der König nur zu einem kurzen Besuch im ehelichen Gemach überreden. Der Herrscher tobt gern wie ein Kind und manches Mal mit Hund durch das Schloss, Freude bereiten ihm nur die Besuche im Bordell. Die Regierungsgeschäfte erledigen Adel und Pastoren.

Der dänische Absolutismus kennt lediglich Feudalherren und Leibeigene, Zensur verhindert jede Kritik. Dabei kennt König Christian seinen Shakespeare. Das Zuwerfen von Zitaten („Etwas ist faul im Staate Dänemark!“) ist ein beliebtes Gesellschaftsspiel.

Der König ist psychisch krank. Niemand kann dem Manisch-Depressiven helfen. Während einer Europareise wird ihm in Altona der Armenarzt Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen) vorgestellt, den nur die Anonymität vor der Hinrichtung wegen seiner Schriften schützt. Struensee ist ein Anhänger der französischen Aufklärer, die reaktionären Machthaber begegnen ihm mit gesträubten Nackenhaaren, denn der aufrührerische Pastorensohn verlangt Müllbeseitigung und Aborte zur Bekämpfung von Seuchen, kostenlose Pockenimpfungen, die Abschaffung von Leibeigenschaft und Zensur. Charme und Witz des charismatischen Deutschen überzeugen den dänischen Monarchen, der Struensee nicht nur als Leibarzt in sein Gefolge aufnimmt, sondern ihn auch innerhalb weniger Monate in Kopenhagen zu seinem Bevollmächtigten und Regenten ernennt. Allerdings ersetzt der Mediziner den König auch im Bett der Königin. Während Voltaire zu den politischen und sozialen Veränderungen gratuliert, beginnen entmachteter Adel, Hofschranzen und Kirche Intrigen zu schmieden, die zum Untergang führen.

Dieses historische Lehrstück einer missglückten Revolution von oben hat bereits Per Olov Enqvist in seinem Bestseller „Der Besuch des Leibarztes“ beschrieben. Nikolaj Arcel betont in seiner Kinoversion vor allem die komischen Aspekte dieser dänischen Verschwörung. Sein König Christian flitzt durch den Film wie Mozart durch „Amadeus“, wofür Mikkel Følsgaard zuletzt bei der Berlinale mit dem Schauspielpreis belohnt wurde. Dieses Missverständnis wiegt Mads Mikkelsen selbstlos auf.