„Wir sind einfach politikmüde“

Die Wahlschlappe sollte am Tag der Arbeit in den Hintergrund rücken, doch bei ihrem traditionellen Maifest im Rapoldipark konnten Innsbrucks Sozialdemokraten die rote Sinnkrise lediglich verdrängen.

Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck –Ein laues Lüftchen trägt Kindergejohle, Marschmusik und den Geruch von frischen Schnitzeln durch den Innsbrucker Rapoldipark. Hier hat – wie schon in den vergangenen vier Jahren am ersten Mai – die SPÖ ihr großes Festzelt aufgeschlagen und die Bevölkerung eingeladen, mit ihr den Tag der Arbeit zu feiern.

In einem roten SPÖ-T-Shirt hastet Renate Alptekin, Innsbruckerin, Sozialdemokratin und bei der Gemeinderatswahl Wahlbeisitzerin – wie sie ausdrücklich betont –, im Zelt von einem Biertisch zum anderen. Hier eine kleine Unterhaltung, dort ein schnelles Schwätzchen und dann wieder hinaus, um eine Gruppe Neuankömmlinge zu begrüßen. Viel politisiert werde an so einem Tag wie heute nicht, erklärt sie. „Da geht es eher einmal darum, das Ganze, was war, zu vergessen.“ Und damit meint sie die Wahlschlappe der Innsbrucker SP von vor zwei Wochen. Der 1. Mai als ein Tag Urlaub von der Realität. Und das fast „all inclusive“ – denn das Schnitzel mit Kartoffelsalat kostet gerade einmal drei Euro.

Während im Freien die zahlreichen Stationen – von der Hüpfburg über den Kletterturm bis zum Rodeo-Reiten – fest in der Hand der Kinder und Familien sind, ist die Stimmung im Festzelt ausgelassen. Doch Renate Alptekin scheint Recht zu behalten – Politik spielt dort bei den Unterhaltungen kaum eine Rolle. Angesprochen auf die Innsbrucker Wahl, erklärt einer der Besucher nur knapp: „Es ist nicht so ausgegangen, wie wir das haben wollten.“

„Ich bin früher immer ein Roter gewesen. Aber in den letzten Jahren tun sie zu wenig für uns Pensionisten“, beklagt sich ein älterer Herr zwei Tische weiter. „Jetzt bin ich für den Strache“, räumt er freimütig ein. Auch sein Sitznachbar hat schon länger nicht mehr die SPÖ gewählt. Dass die Roten bei der Gemeinderatswahl in Innsbruck so stark verloren haben, verwundert ihn nicht. „Das habe ich schon so erwartet. Jetzt sollten sie am besten einmal in Opposition gehen und sich das Ganze von dort aus anschauen. Und es gehören junge Leute her. Der Peer zum Beispiel war gut.“

Walter Peer, einstiger Stadtrat und Zukunftshoffnung der Innsbrucker SPÖ, ist auch da und hat beim Zelteingang neben der Bühne Stellung bezogen, als Stadtparteiobmann Ernst Pechlaner ans Rednerpult tritt. Sehr zögerlich schwillt die Geräuschkulisse im Festzelt etwas ab und einige recken ihre Hälse nur kurz neugierig in Richtung Podium, um zu sehen, wer ins Mikrofon spricht.

„Es tut mir leid, dass wir euch enttäuscht haben. Aber wir wollen euch wieder zu den Urnen führen“, richtet Pechlaner seine Botschaft an die Tausenden Nichtwähler, die bei der Innsbrucker Gemeinderatswahl zu Hause geblieben sind. Dann spricht er davon, dass die SPÖ trotz allem nicht ohne Stolz und mit erhobenem Haupt in Koalitionsgespräche gehen werde. „Wir sind keine Bittsteller. Und unser Anspruch ist das Gestalten und nicht die Oppositionsbank.“ Gleichzeitig stehe man zu seinen Werten und wenn diese in einer Koalition nicht mehr erkennbar wären, dann werde man eine konstruktive Oppositionsrolle einnehmen. „Die Grünen haben ihre Grundsätze schon verraten, um an den Futtertrog zu kommen. Die SPÖ wird aber kein Beiwagerl sein, dafür geben wir uns nicht her.“ Und mit dem Hinweis, dass die Sozialdemokratie bereits stürmischere Zeiten erlebt hat, endet Pechlaner: „Glück auf, es lebe hoch der erste Mai.“ Applaus. So recht begeistern mag die Ansprache jedoch nicht. „Wir reden hier nicht über Politik. Wir sind einfach politikmüde“, ist sich eine Gruppe von Festbesuchern an einem Biertisch einig.

Vor dem Zelt ist Renate Alptekin wieder überall und findet nur kurz Zeit für eine Stellungnahme. „Die Rede war super, das kann er gut, der Ernst Pechlaner“, schwärmt sie. Wie es mit der SPÖ in Innsbruck weitergehen soll, ist für sie klar. „Sie sollen mitregieren“, meint Alptekin noch rasch, verabschiedet sich und verschwindet schnellen Schrittes in der Menge, um der Noch-Stadträtin Marie-Luise Pokorny-Reitter die Hand zu schütteln.