Willi Resetarits und der „Stubnblues“ begeistern im Treibhaus

Morbide Abseitigkeiten und rührseliger Weltschmerz: Willi Resetarits treibt den Blues aus der Stubn an den Weltenrand und feiert den Charme kultivierter Verwahrlosung.

Innsbruck –„Wir können froh sein, wenn nicht alle kommen, die sich angekündigt haben, sonst platzen wir aus allen Nähten“, meinte Treibhaus-Chef Norbert Pleifer bereits gut eine Stunde vor Konzertbeginn. Mit anderen Worten: Der Auftritt von Willi Resetarits und dem Stubnblues am vergangenen Mittwoch war restlos ausverkauft. Es sind also viele gekommen, um dabei zu sein, wenn sich der mittlerweile 63-Jährige und seine blendend aufgelegte Combo auf den Weg machen, die Lieder zu suchen und zu finden. Lieder, die ohne erhobenen Zeigefinger vieles auf den Punkt – und Träume auf den Weg bringen.

„Es kommt drauf an, dass man den Moment erwischt“, sagt Resetarits. Dann setzt die Musik ein. Noch ist – so der Titel des Openers, der auch dem aktuellen Stubenblues-Album seinen Namen gab – „Ois offn“: Die Reise hat begonnen. Besungen wird das weite Land der Seele, problematische und doch herzerwärmende Beziehungsgeschichten finden hier ebenso Platz, wie die morbide Abseitigkeit und rührseliger Weltschmerz.

Von Anfang an ist klar, dass die Reisen des Stubnblues keine zielgerichteten sind. Es gibt kein „in 500 Metern links abbiegen“, keinen, der den Weg vorgibt. Hier darf vom Weg abgekommen werden, hier gehören weiträumige Umfahrungen und unerwartete Zwischenstopps zum guten Ton. Resetarits‘ Hang zum Monolog, der weniger in das kommende Lied einführt, als davon weg in ein hintergründiges Reich, waren schon zu Ostbahn-Kurtis Zeiten legendär. Als Mitglied des Stubnblues, der sich einen Bandleader verboten hat, darf dem Herrn Conférencier nun nicht nur ins Wort gefallen, sondern auch öffentlich der Kopf gewaschen werden. Wegen seines mondänen Schuhwerks aus Rochen-Haut etwa.

Wirklich ernst nehmen diese Bluesbrothers aber nicht sich selbst, sondern die Musik. Peter Angerer, eigentlich Schlagzeuger, setzt in „Hammerschmiedgossn“ nicht nur Tom Waits, der einst Ernst Molden zu dem Lied inspirierte, ein Denkmal, sondern feiert den unscheinbaren Glamour der Gosse, den widerspenstigen Charme kultivierter Verwahrlosung. Der Tiroler Pianist Christian Wegscheider klärt seine Wiener Kollegen über hiesige Gepflogenheiten auf und spielt mit einem drolligen Problembären auf dem Schoß. Und Resetarits holt weit aus: Er huldigt dem „heiligen“ H. C. Artmann, spielt Ukulele und treibt den Stubnblues hinaus aus heruntergekommenen Kaschemmen und verrauchten Hinterzimmern, hin zum Weltenrand, ins vermeintlich wilde Kurdistan. Und unter die Haut. (jole)