Bühne

Was Menschen Menschen antun

Am Tiroler Landestheater kommt am heutigen Samstag „Shylock“, das neue Musical von Brigitte Fassbaender und Stephan Kanyar, in der Inszenierung von Pierre Wyss zur Welturaufführung.

Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Soll man klezmern?“, hatte sich Stephan Kanyar gefragt, damit vertraut geworden, dass er mit Brigitte Fassbaender Shakespeares Shylock zur Hauptfigur eines Musicals machen würde. Der Komponist, Pianist und einst auch Klarinettist hatte sich doch „als Steckenpferd vor zehn Jahren wahnsinnig mit Klezmer beschäftigt“. Aber Shylock lebt nicht als armer, einfacher Mann in dem russischen Dörfchen Anatevka, sondern als reicher Kaufmann in Venedig. Nicht eingebunden in eine jüdische Gemeinschaft, sondern intellektueller Außenseiter.

Die Tragikomödie „Der Kaufmann von Venedig“ ist im Shakespeare-Kosmos Brigitte Fassbaenders ein Lieblingsstück. Sie zauberte als Librettistin mit dem deutschen Komponisten Stephan Kanyar „Lulu – das Musical“ auf die Bühne, als Folge dieses Erfolgs wird heute am Tiroler Landestheater das gemeinsame Musical „Shylock“ uraufgeführt. Wieder in der Regie von Pierre Wyss, der Choreographie von Enrique Gasa Valga, dem Bühnenbild von Helfried Lauckner, den Kostümen von Michael d. Zimmermann. Die musikalische Leitung hat diesmal der Komponist selbst übernommen.

Und sagt einen Kernsatz: „Klezmer? Nein. Nur das Hauptthema von Shylock hat einen ganz leichten Zungenschlag. Die Shylock auf das jüdische Klischee reduzieren, sind ja immer die anderen.“

Zur Zeit Shakespeares waren in England die Juden per Gesetz verbannt. Es ist heute klar, dass Shakespeare mit seinem Theaterstück keine antisemitische Stimmung, sondern die Darstellung des Außenseitertums anstrebte. Fassbaender verstärkt das mit ihrem Libretto. Sie hat das Stück gerafft und eine fiktive Biografie von Shylock und seinem Gegner Antonio geschrieben. Innerhalb eines Bilderrahmens werden Rückblenden gezeigt, die Unterdrückungen und Verletzungen, die die Jugend des jüdischen Jungen vergiften. Shylock ist der Klügere, aber er hat gesellschaftlich keine Chance.

Lea, Shylocks bei der Geburt Jessicas verstorbene Frau, ist in dem Musical präsenter als in dem Stück, Shylock, der die Tochter allein erzieht, aber an einen Christen verliert, trauert ihr zutiefst nach. Shylock-Darsteller Chris Murray hat bei der Einführungsmatinee ein berührendes Erinnerungslied gesungen.

Die Handlung: Um die reiche Erbin Porzia heiraten zu können, braucht Bassanio Geld. Sein Freund, der Kaufmann Antonio, gerade knapp bei Kasse, borgt bei Shylock die benötigte Summe. Als Schuldschein unterschreibt Antonio, dass der Jude bei Nichtzurückzahlung ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper schneiden darf. Es kommt zu dem Fall und Shylock will vor Gericht sein Recht durchsetzen. Da tritt Porzia in Männerkleidern als Verteidiger auf und schafft es, dass Shylock selbst angeklagt und verurteilt wird.

Kanyar, 40, in Bochum geboren und als Sohn eines Kernphysikers mit Karajans Beethoven-Symphonien, Chopin und Schlagern aus dem Radio aufgewachsen, komponiert Bühnen- und Fernsehmusiken sowie Musicals. Als Pianist ist er ein gefragter Begleiter auf weltweiten Tourneen und arbeitet u. a. mit Hanna Schygulla, für die er auch schreibt. „Shylock ist kein leichter Stoff, es geht darum, was Menschen Menschen antun“, sagt er, „aber faszinierend, wenn man den theoretischen Unterbau hat und mit der Musiktheatertradition umzugehen weiß.“

Wie „Lulu“ ist auch dieses Musical durchkomponiert, die Rückblenden hat er mit jeweils besonderer Musik ausgestattet. Es gibt zündende Nummern und stille Songs. „Das Musical definiert sich durch populäre Stilistik. Als Bühnenmusiker arbeite ich oft konzeptuell, am Unterhaltungssektor im weitesten Sinn kann ich harmonisch nicht total ausreißen. Im Musical darf ich aber ungebrochen mit Emotionen arbeiten.“ „Lulu“ hat ihm Türen geöffnet: „Man glaubt mir sperrige Themen.“ Kanyar dreht die Schraube weiter, in Essen kommt im Dezember sein Musical „Die Erschaffung der Welt“ heraus, zwei weitere Aufträge warten. Und einmal im Jahr lässt er alles hinter sich, nimmt Texte, die ihm etwas bedeuten, und schreibt einen Liederzyklus. Tiefe, farbige, schöne Vertonungen, wie jene, die letzte Woche von Marc Kugel uraufgeführt wurden.

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