Gesundheit

Den Diäthunger satthaben

Aus Protest gegen den Schlankheitswahn wurde der 6. Mai zum Anti-Diät-Tag erklärt. Eine Expertin erklärt, warum Diäten nicht funktionieren und verboten gehören.

Von Nicole Unger

Innsbruck –Das mit Süßstoff angereicherte Null-Prozent-Fett-Joghurt schmeckt eigentlich künstlich und fad. Trotzdem schürt es die Hoffnung, einmal so auszusehen wie die Gazellen, die gerade in der Modelcastingshow im Fernsehen über den Laufsteg flanieren. Willkommen im ganz normalen Diätwahnsinn. Aufgrund des vorherrschenden Schlankheitsideals fallen nach wie vor viele „Diäthungrige“ auf Versprechungen herein, die angeblich zu einer Traumfigur führen sollen.

Vom Schlankheitswahn hält die Britin Mary Evans Young wenig. Die von einer Anorexie geheilte Buchautorin rief 1992 den internationalen Anti-Diät-Tag ins Leben, der morgen, wie jedes Jahr, am 6. Mai stattfindet. Evans Young will mit dieser Initiative Schönheitsideale kritisch hinterfragen, die Vielfalt von natürlichen Gewichtsunterschieden würdigen und auf die Gesundheitsgefahren von Diäten hinweisen.

Dass in puncto Ernährung noch viel Aufklärungsarbeit besteht, weiß auch die Innsbrucker Diätologin Edburg Edlinger. Häufig landen Klienten mit einem gestörten Essverhalten in ihrer Praxis, die durch die Masse an widersprüchlichen Ernährungsaussagen völlig verunsichert sind und zahlreiche Diätexperimente hinter sich haben. „Viele Diätkonzepte arbeiten mit der Hoffnung, in kürzester Zeit viel an Gewicht zu verlieren. Und es liegt in der Natur des Menschen, so schnell wie möglich zu einem Erfolgserlebnis zu kommen“, erklärt sich Edlinger die Tatsache, dass viele Menschen auf Diätlügen hereinfallen. Dabei sei es völlig illusorisch, fünf Kilo in einer Woche loszuwerden.

„Eine realistische Körperfettabnahme beträgt ein halbes bis ein Kilogramm Fettabbau pro Woche“, so Edlinger. Viele Ernährungskonzepte bestünden aus Verbotslisten, oft sind wichtige Grundnahrungsmittel darunter. So sei es im Moment z.B. „in“, Milch oder Weizen zu verbieten. Mit solchem Verzicht könne man aber Mangelerscheinungen und Muskelabbau riskieren.

Wer sein Gewichtsziel auf gesunde Weise erreichen möchte, der sollte langfristig Kleinigkeiten umstellen. „Ein Liter Fruchtsaft ohne Zuckerzusatz enthält 500 Kalorien. Wer den Saft ein Jahr lang eins zu eins mit Wasser verdünnt, baut damit 13 Kilo Körperfett ab, ohne dass er viel am Ernährungsverhalten verändert“, nennt Edlinger ein Beispiel. Oder: Wird die Hauptspeise mit drei Esslöffel Öl nur mit einem Esslöffel Fett zubereitet, baut man mit dieser einfachen Maßnahme zehn Kilo Körperfett in einem Jahr ab. In Summe rechnet sich das Ergebnis, nur etwas Geduld ist gefragt. „Wichtig ist, dass beim Essen immer Genuss dabei ist. Verbote sind bei uns Diätologen verboten“, sagt die Ernährungsexpertin.

Diäten sind immer noch eine Frauendomäne, trotzdem ist laut Edlinger zu bemerken, dass auch zunehmend Burschen dem Schlankheitsdiktat verfallen. Auffällig sei zudem, dass ein gestörtes Essverhalten immer jüngere Menschen betrifft. Sogar Zehnjährige würden bereits Diät halten. TV-Modelcastingshows und falsche Vorbilder würden dieses unrealistische Schlankheitsideal fördern. Hinzu kommen Werbeversprechungen und Überangebote im Supermarkt, die Konsumenten Gesundheitsvorteile vorgaukeln. Aber: Je mehr „Vorteile“ auf den Light-Produkten draufstehen, desto größere Mengen werden davon gegessen. Das anfangs erwähnte Süßstoff-Jog­hurt bekommt so einen noch faderen Beigeschmack.

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