Hündisch für Fortgeschrittene

Hunde manipulieren ihre Besitzer, sagt Martin Rütter. In Innsbruck gab der bekannte deutsche Hundetrainer Tipps, damit der Zweibeiner weiterhin das Sagen hat.

Von Judith Sam

Innsbruck –„Wenn ein Hund auf Sie zurast und der Besitzer ruft ‚Der tut nichts!‘, dann bedeutet das, dass der Hund nichts von dem tut, was das Herrchen will.“ Martin Rütter steht auf der Bühne der Olympiahalle in Innsbruck und gibt seine Erfahrungen preis. Während die eine Hälfte der 2500 Personen im Publikum lauthals lacht, ist die andere verdächtig ruhig – zu sehr erkennen sie sich in den Schilderungen wieder.

Der 41-jährige Deutsche ist staatlich anerkannter Tierpsychologe. Bekannt aus TV und als Buchautor von acht Bestsellern. Doch Rütter sieht sich vielmehr als Verhaltenstrainer für Hundebesitzer. Denn diese seien oft der wahre Grund, wenn der pelzige Untermieter Probleme macht. „Je besser der Hund erzogen ist, desto mehr Lebensqualität hat er in unserer Gesellschaft“, erzählt der Deutsche dem Tiroler Publikum. Und weil der Experte weiß, wie das zu bewerkstelligen ist, hat er das Schulungssystem „D.O.G.S.“ („Dog Orientated Guiding System“) konzipiert. Oder auf auf gut Deutsch gesagt – ein am Hund orientiertes Führungssystem.

„D.O.G.S.“ ist auch für die beiden Innsbrucker Silvia Berger und Walter Klammer ein Thema, die bei der Show am Donnerstag Plätze in der ersten Reihe ergattern konnten. „Wir halten uns bei der Erziehung unseres Collie-Mischlings Molly an Rütters Tipps. Und das Tolle daran ist, dass er völlig gewaltfrei arbeitet – sogar ein Ziehen am Halsband ist demnach schon falsch“, sagt Berger.

Auch Andrea Hake und ihr Ehemann Karsten – zwei bekennende Hundeliebhaber – sind Rütter-Fans. Die beiden versuchen, Rütters Regel zur Konsequenz im Umgang mit dem Vierbeiner täglich umzusetzen. So simpel es klingt, so schwer fällt das allerdings. In einem Punkt sind die zwei allerdings schon erfolgreich. „Wir achten darauf, dass unser Tibet-Terrier-Mischling Luna Spielzeug nicht immer frei zur Verfügung hat.“ Und sind somit dank Rütters Hilfe aus Hundeperspektive bereits aufgestiegen – vom Servicepersonal in die Chefetage. Denn wenn der Mensch entscheidet, wann der Hund Spielzeug und Leckerlis erhält, hat er aus Hundesicht das Sagen. Für den pelzigen Untermieter gelten nämlich zwei Hierarchieregeln: Der wahre Boss ist der, der den Zugang zu Ressourcen – wie Kuscheleinheiten, Futter oder Liegeplätzen – hat und der, der den anderen öfter beeinflusst. „Der Rangordnungshöhere lässt sich deutlich seltener beeinflussen“, erklärt Rütter. Und das sollte im Idealfall der Mensch sein.

Sein Tipp: Er rät, ein Wochenende lang mitzuzählen, wie oft man seinen Hund beeinflusst und umgekehrt: „Das Ergebnis wird etwa lauten: Der Hund hat Sie 130 Mal subtil beeinflusst, Sie ihn etwa 30 Mal.“ In den Minen der Zuschauer erkennt man den nervösen Versuch, mit einem inszenierten Lächeln zu vertuschen, wie sehr man Rütter zustimmen muss. Da setzt der Hundetrainer nach: „Das ist natürlich übertrieben.“ Allgemeines, entspanntes Aufatmen im Publikum, bis Rütter diabolisch ergänzt: „So oft beeinflussen Sie Ihren Hund natürlich nicht.“

Doch auch das macht Rütter deutlich: Das Leben mit einem Hund ist tägliche Arbeit. Und: Die goldene Hundeerziehungsregel gibt es nicht. „Am liebsten wäre es Hundebesitzern, wenn ich ihnen etwa Folgendes sagen könnte: Streicheln Sie Ihrem Hund bei Vollmond, aber nur bei Vollmond, einmal gegen den Uhrzeigersinn über den Kopf und er wird vorbehaltslos gehorchen.“

Beim Verlassen des Saals ist sich der Großteil des Publikums einig: Sie wollen die Tipps umsetzen und konsequent am Verhalten ihres Hundes arbeiten. So weit wird es aber wohl nicht kommen. „Diese guten Vorsätze halten meist nur wenige Tage an“, hat nämlich Rütter kurz zuvor noch kundgetan. Und der Hundprofi muss es ja wissen.

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