Natur

Wenn alle Vorrang haben

Belebte Straßen und Plätze ohne Ampeln, Schilder und Fußgängerinseln? Geht es nach dem Kuratorium für Verkehrssicherheit, wird das in Tirol bald Realität.

Innsbruck –Die Autos hupen, die Radfahrer schimpfen und Fußgänger quetschen sich irgendwie dazwischen. Obwohl im Tiroler Straßenverkehr so gut wie überall klare Regeln gelten, regieren oft genug vor allem Chaos und das Recht des Stärkeren. Doch sieht so die Zukunft der Straßen von morgen aus? Und was passiert, wenn Straßen nicht mehr durch Ampeln, Schilder und Fußgängerinseln organisiert werden? Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) hat sich in einer Fachtagung darüber vor wenigen Tagen in Innsbruck Gedanken gemacht. Das Ergebnis: Auch in Tirol könnte es bald so genannte Gemeinschaftsstraßen geben.

Besonders weit ist man damit bereits in der Festungsstadt Kufstein. Bis Juni wird von den Stadtwerken ein Platz gestaltet, der dann nach dem „Shared-Space-Modell“ ganz ohne Verkehrszeichen auskommen soll. Die Grundidee dahinter: Weniger Verkehrszeichen sorgen für mehr Aufmerksamkeit bei den Stärkeren unter den Verkehrsteilnehmern – den Auto- und Motorradfahrern. Das alles bei moderaterem Tempo.

Diese Idee kommt aus Holland und wird bereits in einigen weiteren europäischen Ländern (England, Deutschland) angewandt. Auch in Österreich haben sich einige Gemeinden (Velden, Gleinstätten) diesem Motto verschrieben und ihre Plätze und Straßenzüge teilweise umgebaut. Im steirischen Gleinstätten wurden dafür mehrere Millionen Euro investiert.

Das Modell der Begegnungszone, welches das KfV nun in Innsbruck vorgestellt hat, ist darauf aufbauend eine „österreichische Lösung“. Denn: hier gibt es einige Regeln (etwa, dass Kinder nicht spielen dürfen, weil dies zu gefährlich ist) und es gibt am Anfang und Ende der Zone eigene Verkehrszeichen. „Unser Modell kommt außerdem auch mit weniger Umbaumaßnahmen aus“, sagt Norbert Blaha, Chef des KfV Tirol. Schon ein paar Kübel Farbe würden oft ausreichen, damit die Schwächeren im Straßenverkehr mehr Rechte erhalten. Blaha hat dafür einen einfachen Vergleich: „Die Begegnungszone ist im Prinzip ein großer Zebrastreifen auf einer Länge von 200 bis 400 Meter.“

Im Vorschlag des Kuratoriums ist dabei in der Gemeinschaftszone maximal ein Tempo von 20 km/h erlaubt. Es gilt die Vorrang- bzw. Rechtsregel. Sinn mache die Idee in Räumen, wo viele Menschen und unterschiedliche Fortbewegungsmittel aufeinandertreffen. Blaha: „Man muss sich aber natürlich jeden einzelnen Fall für sich ansehen.“

Das Kuratorium selbst ist in Verhandlungen mit dem zuständigen Infrastrukturministerium, damit diese Idee auch gesetzlich umgesetzt werden kann und etwa ein eigenes Verkehrsschild eingeführt wird. Die Chancen dafür stehen laut Blaha gut. Und auch das Interesse aus den Gemeinden sei da. „Nach der Tagung haben sich bei uns bereits einige Bürgermeister aus dem ganzen Land gemeldet.“

Umgesetzt müssten derartige Projekte aber stets im Einvernehmen mit Wirtschaft und Anrainern werden. Nur dann gebe es Aussicht auf Erfolg. Blaha räumt allerdings ein: Auch in der Begegnungszone tritt irgendwann der Gewöhnungseffekt ein, die Aufmerksamkeit sinkt und damit steige die Unfallgefahr wieder an. „Es ist aber wichtig, dass wir den Menschen, speziell in den Städten, wieder Flächen zurückgeben und sie nicht durch Straßenzüge trennen.“ Eine Eigenverantwortung der Verkehrsteilnehmer könne auch die Initiative nicht ersetzen. (mw)

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