Fehlurteile

101 Todeskandidaten in den USA saßen unschuldig hinter Gittern

Sie saßen oft jahrelang im Gefängnis, dann wurde ihre Unschuld bewiesen. 873 solche Fälle aus den vergangenen 23 Jahren haben US-Juristen zusammengetragen und untersucht, wie es zu den Fehlurteilen kommen konnte, auch bei Todeskandidaten.

Von Monika Schramm

Ann Arbor –

1985 wurde eine junge Studentin an der Texas Tech University entführt und vergewaltigt. Timothy Cole, damals 26 Jahre alt, geriet ins Visier der Fahnder. Der Student hatte sich mit einer Polizistin am Ort der Entführung unterhalten. Zwei Wochen nach dem Verbrechen zeigten die Ermittler dem Opfer mehrere Bilder: fünf Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen die Männer im Profil zu sehen waren. Dazwischen ein farbiges von Cole, aufgenommen von vorne. Die junge Frau identifizierte den 26-Jährigen als ihren Peiniger, auch einen Tag später bei einer Gegenüberstellung und schließlich vor Gericht.

Auch wenn Coles Bruder und mehrere Freunde beschworen, der Student habe zur Tatzeit zu Hause gelernt, wurde er schuldig gesprochen. Das Urteil: 25 Jahre Haft. Seine Berufung wurde abgelehnt. Timothy Cole hatte schweres Asthma. Er starb 1999 im Gefängnis.

Zehn Jahre nach der Tat erreichten mehrere Briefe die zuständige Polizei und Staatsanwälte. Jerry Wayne Johnson, der wegen zwei Vergewaltigungen zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, gestand darin die Vergewaltigung von 1985. Seine Schreiben wurden aber ignoriert. Ein Jahr nach dem Tod Coles wandte sich Johnson erneut an die Behörden. Wieder wurde das Geständnis verworfen.

Erst 2008 kam die Wende: Der verurteilte Vergewaltiger schrieb an das „Innocence Project of Texas“ und Coles Familie. Die Anwälte der Organisation, die sich für die Freilassung unschuldig Verurteilter einsetzt, ließen eine DNA-Analyse erstellen – und bewiesen so Coles Unschuld. Zehn Jahre nach seinem Tod wurde Timothy Cole schließlich von allen Vorwürfen offiziell entlastet und 2010 vom Gouverneur von Texas begnadigt.

873 Menschen unschuldig hinter Gittern

Diesen und hunderte ähnliche Fälle in den USA hat die „National Registry of Exonerations“ (NRE) zusammengetragen. Es sind die Geschichten von Menschen, die verurteilt wurden, obwohl sie unschuldig waren. Erst Jahre später wurden sie durch neue Beweise entlastet und sie konnten freigelassen werden.

873 Fälle aus den vergangenen 23 Jahren haben die Mitarbeiter des Projekts der Juristischen Fakultät der Universität Michigan und dem „Center of Wrongful Convictions“ (Zentrum für falsche Schuldsprüche) an der Northwestern Universität zusammengetragen. Die Männer und Frauen saßen zusammen mehr als 10.000 Jahre unschuldig hinter Gittern – 101 davon sogar in der Todeszelle.

„Das ist ein Anfang“ sagte Jus-Professor Samuel Gross der Huffington Post. „Eine meiner großen Hoffnungen ist, dass wir so mehr über Entlastungsverfahren lernen“, meinte einer der Gründer der Datenbank weiter. Eine erste Erkenntnis aus der Analyse der 873 Fälle: Meist führen Meineid, falsche Aussagen oder die falsche Identifizierung durch Augenzeugen zu Fehlurteilen.

93 Prozent der unschuldig Verurteilten, die hier erfasst wurden, sind Männer, die Hälfte ist schwarz, 38 Prozent weiß. 48 Prozent wurden wegen Mordes verurteilt, 35 Prozent wegen Vergewaltigung. DNA-Analysen führten in 37 Prozent der Fälle zu Haftentlassungen – zumeist bei Fällen, die mehr als 18 Jahre zurückliegen.

Ein folgenschwerer Fehler

So erging es auch Robert Cotton. Er wurde 1985 für schuldig befunden, Jennifer Thompson vergewaltigt zu haben. Die Studentin war die einzige Zeugin in dem Verfahren. Sie hatte während der Tat versucht, sich das Gesicht ihres Peinigers genau einzuprägen. Und sie war sich sicher: Ronald Cotton war der Täter. Ihre Aussage im Zeugenstand überzeugte die Jury und Richter. Cotton wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess wurde 1987 wiederholt. Wieder hieß das Urteil lebenslänglich.

1995 verließ Cotton das Gefängnis aber dann als freier Mann. Die Analyse von genetischem Material bewies seine Unschuld. Ein anderer Mann, der zu der Zeit eine Haftstrafe wegen einer anderen Tat absaß wurde als Vergewaltiger überführt. Jennifer Thompson tat alles, um ihren schrecklichen Fehler wieder gut zu machen, sprach in der Öffentlichkeit über den Fall. Zu guter letzt wurden sie und Cotton Freunde und schrieben gemeinsam ein Buch.

Polizisten schoben Drogen unter

Im Zuge ihrer Recherchen sind die Rechtsexperten aber nicht nur auf die knapp 900 Einzelfälle gestoßen. Noch mindestens 1170 zu Unrecht Inhaftierte wurden in den USA seit 1989 in „Massenentlassungen“ auf freien Fuß gesetzt, nachdem 13 Polizeskandale aufgedeckt worden waren.

So hatten zum Beispiel zwei Ermittler in Michigan zwischen 2006 und 2008 Dutzenden Personen Drogen untergeschoben und sie dann verhaftet. Die Polizisten mussten selbst hinter Gitter, ihre Opfer wurden heuer im März freigelassen.

Die Experten der National Registry of Exonerations stehen mit ihrer schwierigen Aufgabe erst am Anfang: Noch sind die erfassten Fälle auf einige wenige Regionen der USA beschränkt. Während nach Fehlurteilen bei Mord oder anderen Gewaltverbrechen zumeist auch viel mediale Aufmerksamkeit bekommen, werden andere Fälle – wie Raubüberfälle oder Drogendelikt – nicht öffentlich bekannt. Und es gibt keine zentrale Stelle, an der die aufgehobenen Urteile gesammelt werden.

Die Juristen sind sich nach der Untersuchung der Fälle sicher: Das ist erst die Spitze des Eisbergs. Denn nach ihrer Überzeugung gibt es wesentlich mehr unschuldig Inhaftierte als entlastete Unschuldige. Oft gehen die Angeklagten einen Deal ein, bekennen sich schuldig, um eine geringere Strafe zu bekommen. In manchen Fällen kann schlicht nicht bewiesen werden, dass es ein anderer war, weil es keine DNA-Spuren gibt oder keine Augenzeugen.

„Je mehr wir über falsche Verurteilungen lernen, desto besser können wir diese in Zukunft vermeiden. Oder – wenn es schon zu spät ist – diese Fehlurteil aufdecken und korrigieren“, heißt es am Ende der Zusammenfassung des Berichts.