1000 Jahre genutzt: Österreicher erforschen Landgut in Sizilien
„Anhand eines einzigen Gebäudekomplexes können wir wesentliche Beiträge zur Rekonstruktion der ruralen Ökonomie Siziliens leisten“, so Ewald Kislinger vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien.
Siedlung, Wirtschafts- und Religionszentrum. Diese drei Funktionen erfüllte ein Landgut in Torrenova, einer sizilianischen Gemeinde 120 Kilometer westlich von Messina, tausend Jahre lang. Ausgrabungen österreichischer Archäologen weisen eine Nutzung zwischen dem 5. und dem 16. Jahrhundert nach und liefern somit erstmals Details zur byzantinischen Periode in Sizilien, teilte der Wissenschaftsfonds FWF am Dienstag in einer Aussendung mit. Die Ergebnisse der Forschungsprojekte werden bis Ende des Jahres auch in einer Ausstellung im Krahuletz-Museum in Eggenburg (NÖ) präsentiert.
„Anhand eines einzigen Gebäudekomplexes können wir wesentliche Beiträge zur Rekonstruktion der ruralen Ökonomie Siziliens leisten“, so Ewald Kislinger vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien und Leiter der zwei vom FWF finanzierten Projekte, in deren Rahmen die byzantinische Periode Siziliens erstmals eingehend archäologisch erforscht wurde. Ausgangspunkt der Studien war das Landgut San Pietro di Deca, das zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert als Kloster diente. Hier hat sich ein achteckiger Kuppelbau, ein sogenannter Conventazzo, bis heute erhalten.
Mehrere Funde wiesen jedoch auf eine frühere Nutzung hin. Mithilfe der Georadar-Analyse, die erlaubt, Strukturen wie Mauern im Boden ohne Grabung zu entdecken, fanden die Forscher eine römische Villa aus der Spätantike sowie eine Kirche, die in mehreren Grabungen teilweise freigelegt wurde. Dabei entdeckten die Archäologen auch Teile eines Kultbaus aus dem frühen Mittelalter. Zahlreiche Gräber- und Münzfunde erlauben Rückschlüsse auf die historisch-ökonomische Entwicklung sowie das tägliche Leben rund um das Landgut, bei dem etwa ein Jahrmarkt stattfand.
Das ermöglichte erstmals eine Analyse des Lebens der Landbevölkerung Siziliens. Zuvor hatten sich die historischen Forschungen hauptsächlich auf die Oberschicht konzentriert. „Von den Römern über die Byzantiner hin zu den Normannen und schließlich der spanischen Periode Siziliens finden wir Spuren der menschlichen Besiedlung zu San Pietro di Deca. Das belegt Kontinuität und Wandel dieses Landguts über ein Jahrtausend hinweg“, erklärte Kislinger. (APA)