Reise

Auf den Spuren der Kriegsgeschichte

Mit dem Mountainbike auf den Spuren des Ersten Weltkrieges: Auf den Hochplateaus von Folgaria und Lavarone in Italien lebt die Geschichte der versunkenen Monarchie.

Von Kurt Pokos

Folgaria, Lavarone, Lusern – Wir befinden uns in den Vizentiner Alpen. Jener Gebirgsgruppe, die sich südlich von Trient bis weit nach Süden in das Veneto erstreckt. Der Pasubio ist wohl eine der bekanntesten Erhebungen. Aber noch etwas weiter nördlich – unmittelbar über dem Caldonazzosee und dem Valsugana im Norden und dem Etschtal im Westen – gelangt man zu den drei Hochflächen von Folgaria, Lavarone und Lusern.

Am unteren Rand dieser schrägen Abdachungen, dort wo sie unvermittelt steil in das Val d‘Astico abstürzen, verlief noch vor hundert Jahren die Grenze der österreichisch-ungarischen Monarchie. Gesichert wurde dieser Grenzverlauf bereits in den Jahren vor dem Kriegsausbruch durch eine Reihe von Festungen, welche den Einmarsch fremder Truppen ins damals österreichische Trentino verhindern sollten. Maßgebend war der damalige österreichische Feldmarschall Conrad von Hötzendorf, der gegen Italien stets ein abgrundtiefes Misstrauen hegte.

Die weitere Geschichte ist bekannt, der Erste Weltkrieg nahm seinen Lauf und der Altopiano von Folgaria und Lavarone wurde zu einem der blutigsten Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges.

Hundert Jahre später ist dieses Gebiet eine Tourismusregion ersten Ranges, im Winter übersät mit Skiliften und Pisten, im Sommer mit Freizeitangeboten aller Art. Aber ganz besonders erschlossen wurde diese ungemein schöne Mittelgebirgslandschaft für den Liebhaber des Mountainbikes. In Zusammenarbeit aller Tourismusverbände wurde eine Mountainbikeroute aus der Taufe gehoben, wie man sie sich schöner und interessanter kaum erträumen kann.

Die „100 km dei forti“ – 100 Kilometer der Festungen – verbinden in einer großzügigen Schleife alle Sehenswürdigkeiten und Gedenkstätten, die auch heute noch eindrucksvoll an den Ersten Weltkrieg erinnern. Und das sind nicht wenige. Hauptziel der Radstrecke ist jedoch die Verbindung der mächtigen Festungswerke, die mit strategischen Abweichungen genau am ehemaligen Grenzverlauf errichtet waren und deren Geschütze über das Asticotal nach Süden zeigten.

Von diesen sieben mit schwersten Kanonen bestückten Bollwerken ist nur noch eines vollkommen erhalten geblieben – die anderen sind aber immer noch eindrucksvolle Ruinen, die ohne große Phantasie ihren Zweck demonstrieren können. Höhepunkt ist die Festung Belvedere, auf Deutsch Werk Gschwent genannt, welches vollkommen erhalten blieb und heute in seinen düsteren Kasematten ein sehenswertes Weltkriegsmuseum beherbergt.

Dazwischen passiert der Radweg aber auch mehrere, von den örtlichen Vereinen und dem Schwarzen Kreuz bestens gepflegte Kriegerfriedhöfe, welche an diese unselige Zeit erinnern. Allein im Soldatenfriedhof von Slaghenaufi, den unser Radweg unmittelbar passiert, sind 750 Gefallene bestattet. Eindrucksvoll sind aber auch die Ruinen der übrigen Festungen, welche in der Mussolinizeit von den Italienern aus Gründen der Eisengewinnung demontiert und danach dem Verfall preisgegeben wurden. Das Ex-Fort Somma alto und das Ex-Fort Cherle sind beredte Beispiele.

Nun ist es vielleicht nicht jedermanns Sache, den 100 Kilometer langen Radweg in einem Zug zu fahren. Außerdem sind es genau genommen sogar 113 Kilometer mit einer Gesamthöhendifferenz von 2700 m. Aber man kann ihn sehr gut in drei Etappen einteilen. Die längste Schleife führt, beginnend am Passo Sommo, über das Plateau von Folgaria, ist an die 56 km lang und hat einen Höhenunterschied von 1200 Metern. Die Runde über das in 19 Fraktionen aufgesplittete Lavarone beträgt 30 km und jene des anschließenden Lusern 27 km. Die gesamte Strecke ist durchgehend mit gut sichtbaren Holzschildern mit gelber Schrift ausgestattet, trotzdem ist es ratsam, sich auch einen Streckenplan mit dem genauen Verlauf des Radweges zuzulegen, denn eine Wegweisertafel ist rasch einmal übersehen.

Man bekommt den kostenlosen Plan in den örtlichen Tourismusbüros (in Folgaria und in Lavarone/Gionghi) in deutscher Sprache. Legt man sich noch die Kompass-Karte Nr. 631 (Altipiani di Folgaria) zu, ist man perfekt ausgestattet. Außerdem gibt es einen netten Mountainbikeführer („Altipiani Trentini in mountainbike“, Autoren Grillo/Grillo/Pezzani, 14,50 €), die noch eine Menge kleiner Radrunden präsentieren, womit man für einen ganzen Urlaub das Auslangen finden sollte.

Nur mit den angegebenen Zeiten bin ich nicht ganz einverstanden. Denn für die 113 Festungskilometer sind als Fahrzeit nur 6 bis 8 Stunden angegeben: Allerdings bewegt man sich hier in anspruchsvollem Mountainbikegelände, wo oft nicht so sehr die Steilheit maßgebend ist, sondern die grobe Wegbeschaffenheit die Fahrt stark abbremst. Dann aber gibt es wieder lange Passagen auf guten Forstwegen, nur sieben Prozent der Runde verlaufen auf Asphalt.

Für Abwechslung ist immer gesorgt. Die historischen Relikte wechseln ab mit der prächtigen Aussicht über die mit Enzian übersäten Blumenwiesen zu den Brentabergen, und Rastpausen kann man in bewirtschafteten Almen oder Schutzhütten einlegen.

Radfahrer, kommst du nach Lusern am östlichen Hochplateau, dann sollst du am Hauptplatz im Café Rossi eine kleine Rast einschalten und aufmerksam den alten Herrschaften beim Kartenspielen zuhören. Sie sprechen eine ganz eigentümliche Sprache, dem Italienischen kaum ähnlich, mit immer wieder verständlichen deutsch klingenden Brocken.

Ja, hier spricht man Zimbrisch, und Lusern ist der einzige Ort und die allerkleinste Sprachinsel Italiens, wo gerade noch an die 300 Einwohner an ihrem aus dem Mittelhochdeutschen und Altbayrischen stammenden Idiom festhalten und wo es auch in der Schule unterrichtet wird. Schon im 12. Jahrhundert sind die Zimbern, was sich vom deutschen Wort Zimmerer ableiten soll, hier eingewandert und sesshaft geworden. Wer sich die Mühe macht, an den Häusern die Türschilder oder am Friedhof die Namen an Grabsteinen zu lesen, wird staunen, dass hier mindestens jeder Zweite auf den Namen Nicolussi hört. Bei der Gemeinderatswahl trugen 25 von 30 Kandidaten diesen Namen, die zur Unterscheidung wohl noch Zweitnamen benötigen.

Aber zurück zum Radfahren. Neben dem Festungsweg gibt es mittlerweile noch weitere beschilderte Radrouten, die oft auf den gleichen Wegen, aber in umgekehrter Fahrtrichtung verlaufen. Der „Folgaria-Megabike“ ist so eine Route.

Dass Mountainbiken hier hoch im Kurs steht, beweisen auch die großen Mountainbikerennen mit Massenbeteiligung. Vom 15. bis 17. Juni wird in Lavarone der „Grobbe-Bike“ durchgeführt. 100 km in drei Tagen. Am 26. August findet dann der Folgaria-Marathon statt, wo 67 km/2000 Hm. oder 47 km/1230 Hm. zur Auswahl stehen und an die tausend Starter erwartet werden. Der Massenstart ist immer eine wilde Sache.

Wer mit dem Radeln nichts am Hut hat, dem sei gesagt, dass sich diese Gegend auch hervorragend zum Wandern und für Gipfelbesteigungen eignet. Der Cornetto (2068 m), direkt über dem Passo Sommo, ist eine sehr beliebte Bergtour. Auch der Fernwanderweg Nummer 5, vom Bodensee zur Adria, zieht hier über den Altiplano. Und die historischen Sehenswürdigkeiten sind zum Großteil mit dem Auto, zumindest bis ganz in die Nähe, zugänglich.