Was Gangster einer Gesellschaft antun

Die Vereinten Nationen verstehen Kriminalität immer mehr als globale Herausforderung.

Von Floo Weißmann

Innsbruck –Ernüchternd sind die Zahlen, die das UNO-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) jedes Jahr vorlegt. Trotzdem gab sich UNODC-Chef Juri Fedotov im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung zuversichtlich: „Die wichtigste Entwicklung der vergangenen 15 Jahre war, dass Drogen und Kriminalität jetzt als globale Herausforderungen angesehen werden – als Bedrohung für Sicherheit, Stabilität und für nachhaltige Entwicklung und als Hemmnis für Menschenrechte.“ Es geht also nicht allein um den Kampf von Polizei gegen Gangster in den einzelnen UNO-Mitgliedstaaten, sondern um die sozialen Folgen für ganze Regionen.

Das UNODC mit Sitz in Wien ist vor allem eine Service- und Koordinationsstelle für die nationalen Behörden. Sie erhebt Zahlen (siehe den Welt-Drogenbericht oben), vermittelt Know-how und Kontakte, schafft Bewusstsein und wirkt mit an internationalen Abkommen. „Wir können stolz sein auf die Kapazitäten, die wir aufgebaut haben. Aber jetzt müssen wir sie auch nützen“, sagt Fedotov, russischer Diplomat in UNO-Diensten.

Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet traditionell der Bereich Drogen. Für Fedotov geht es dabei nicht allein um den Kampf gegen Herstellung und Handel: „Wir müssen auch mehr tun, um eine Balance herzustellen zwischen den Maßnahmen der Exekutive sowie vorbeugenden Maßnahmen und der Behandlung und Reintegration von Drogenkranken in die Gesellschaft.“

Von der TT darauf angesprochen, dass Schlafmohn und Koka für Bauern eine wichtige Einkommensquelle darstellen, betonte Fedotov Projekte für eine alternative Entwicklung. In Kolumbien etwa werde nur noch halb so viel Kokain produziert wie vor zehn Jahren. „Viele Bauern haben ihre Einstellung geändert – sie werden weniger verdienen, wenn sie nicht mehr Koka anbauen, dafür aber bekommen sie Sicherheit, Vorhersagbarkeit und Kontinuität, was ihr Einkommen für die Familie betrifft.“ In Afghanistan dagegen stecke die alternative Entwicklung noch in den Kinderschuhen.

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Neben Drogen befasst sich das UNODC aber auch mit der ganzen Palette an grenzüberschreitender Kriminalität – von Menschenhandel über Korruption bis zur Piraterie.

„Wir können stolz darauf sein, dass mehr als tausend Piraten im Gefängnis sitzen, 84 Prozent davon in Ostafrika“, sagt Fedotov. Auf Nachfrage der TT räumt er ein, dass hinter der Piraterie wirtschaftliche Not und politische Instabilität stehen. Für viele junge Männer in Somalia gebe es „keinen anderen Weg, einen Lebensunterhalt zu verdienen“. Fedotov hat bei einem Besuch in Gefängnissen Piraten getroffen, die ein Gehalt bezogen – von Drahtziehern, die außerhalb der Region sitzen und allein im vergangenen Jahr 170 Mio. Dollar an Lösegeld kassiert haben. Diese Geldströme gelte es zu kappen, fordert Fedotov.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise schlägt sich laut Fedotov bisher nicht in den Kriminalitätsstatistiken nieder, sehr wohl aber im Budget seiner Organisation. Das UNODC ist auf freiwillige Spenden angewiesen. Angesichts der Krise fahren Europa, Nordamerika und Japan ihre Beiträge zurück und andere Länder wie Russland, Kasachstan, Brasilien und Mexiko springen ein.


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