Spinnenmann gegen Reptil

Marc Webb aktualisiert mit „The Amazing Spider-Man“ die Superhelden-Saga und bringt neben Andrew Garfield auch einen ungewohnten Realismus in das Projekt.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Im April dieses Jahres startete mit „John Carter“ die Kinoadaption einiger früher Geschichten des Tarzan-Erfinders Edgar Rice Burroughs, doch das Prestigeprojekt des Disney-Konzerns brachte selbst die Zwölfjährigen zum Gähnen. Rich Ross, 15 Jahre lang Filmstudiochef bei Disney, musste nach dem Premierenwochenende sein Büro räumen. Dabei ging es um 250 Millionen Dollar, den größten Verlust in der Geschichte des Unterhaltungskonzerns. Von solchen Vorgängen in Verbindung mit Angst, Verrat und Gier erzählen die meisten Comics, die in den Fünfzigern erdacht wurden und seit etwa 20 Jahren das Blockbusterkino definieren. Diese Form des Kinos soll auch über die kreative Krise Hollywoods mit seinen Megaproduktionen hinwegtäuschen.

Die verblüffendste Entscheidung gegen die Krise wurde bei Sony-Pictures getroffen, den von Sam Raimi seit 2002 in drei Folgen etablierten Marvel-Superhelden „Spider-Man“ noch einmal neu zu erzählen und dafür mit Marc Webb einen Regisseur zu engagieren, der außer der kleinen, schräg erzählten Liebesgeschichte „(500) Days of Summer“ im Kino nichts vorzuweisen hatte. Als Darsteller des Superhelden wurde Andrew Garfield ausgewählt, der in dem düsteren Science-fiction-Film „Never Let Me Go“ einen Klon gespielt hatte, der keinem anderen Verwendungszweck diente, als auf seine Organe zu achten und zu spenden, bis nichts mehr zum Leben übrig war. In diese erschreckend realistische Richtung wurde auch die Story von „The Amazing Spider-Man“ entwickelt. Spider-Man ist damit in der Gegenwart und in der Arbeiterklasse angekommen.

Nach der Ermordung seiner Eltern wird Peter Parker (Garfield) von seinem Onkel Ben (Martin Sheen) und seiner Tante (Sally Field) erzogen. Es ist der Schichtarbeiter, der das Waisenkind mit Werten wie Mitgefühl und Verantwortung vertraut macht. Das Puzzle seiner vor ihm verborgenen Herkunft führt ihn zum Oscorp-Konzern, wo der Mensch für die Zukunft entworfen wird. Durch schnellen, aber auch riskanten DNA-Tausch wird die Evolution beschleunigt und in die Irre geführt, wobei die Selbstheilung der Reptilien in den Forschungsmittelpunkt gerät. In diesem Konzern bewegt sich die vom schüchternen Außenseiter mit stiller Begierde verfolgte Gwen (Emma Stone) als Praktikantin. Regisseur Webb widmet der zarten Liebesgeschichte weniger Aufmerksamkeit als Sam Raimis Original.

Dennoch muss es wieder eine Spinne sein, die den Schüler in den Nacken beißt. Allerdings kommt die Spinne nicht mehr aus der Nuklearanlage, sondern aus dem Genlabor, in dem bereits Peters Vater gearbeitet hat. Der Forscher musste sterben, weil er sich der Gier des Konzerns nach Milliardengewinnen verweigerte. Weniger Skrupel plagen Dr. Curt Conners (Rhys Ifans), der sich im Labor für das Böse entscheidet. Nach einem Selbstversuch wächst zwar sein amputierter Arm wieder nach, die Nebenwirkungen haben es freilich in sich. Mit Schuppenpanzer mutiert Conners zur Riesenechse Lizard, die zum Idealbild der Menschheit werden soll.

Während die Polizei den Spinnenmann als Terroristen jagt, erkennen New Yorks Arbeiter in ihm einen der ihren. Als sich Spider-Man von einer Polizistenkugel getroffen kaum noch auf den Beinen halten kann, bilden die Kranführer in der verwundeten Stadt mit ihren schwebenden Stahlarmen ein Spalier als Schwung- und Flughilfe, um den Helden zum grandiosen Finale zu heben. Das ist einerseits ein Verweis auf den 11. September 2001, andererseits kann es aber auch ein Traum jedes Filmemachers sein, für ein Gefühl von solidarischen Aufbäumens eine ganze Stadt – wenn auch nur virtuell – choreografieren zu dürfen. In solchen Szenen macht auch Webbs zurückhaltender 3D-Einsatz Sinn.

Am Ende besucht Peter Parker noch einen Kurs für kreatives Schreiben. Damit eine Geschichte funktioniert, sagt die Lehrerin, zähle neben allen dramaturgischen Kniffen vor allem der Held. Spider-Man wird damit für einige Jahre als Held und Geldmaschine funktionieren.


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