Nur noch weg: „Leere“ im deutschen Team

Nach dem Halbfinal-Schock wollten die enttäuschten deutschen Spieler nur noch weg vom Ort des Schreckens. Wieder einmal setzte Italien das Stoppzeichen. Auch am Tag danach hielt die Enttäuschung an. Für grundsätzliche Korrekturen sieht der Bundestrainer keinen Grund.

Warschau – Auf dem Rasen fiel Mesut Özil in sich zusammen. In der Kabine schwiegen sich Bastian Schweinsteiger und seine frustrierten Kollegen nur an. Und auch am Tag nach dem bitteren EM-K.o. gegen Angstgegner Italien konnte keiner der abgestürzten Titelaspiranten das plötzliche Aus so richtig fassen. „Da ist Leere, Stille, Enttäuschung“, beschrieb Teammanager Oliver Bierhoff die Grundstimmung im deutschen EM-Team, das ausgerechnet im Halbfinale einer zuvor so euphorisch abgelaufenen Fußball-Europameisterschaft völlig aus der Spur geraten war. „Wenn man den Titel nicht holt, wird gefragt, wofür war‘s?“, bemerkte Bierhoff geschockt.

„Weg noch lange nicht zu Ende“

Auch Joachim Löw, dessen zuvor so hoch gepriesene EM-Magie gegen Italien nicht wirkte, fiel eine Analyse im Warschauer Nationalstadion noch schwer. Während seine Spieler in der Kurve bei den deutschen Fans ein wenig Trost suchten, marschierte der Bundestrainer nach der Gratulation für seinen Kollegen Cesare Prandelli schnurstracks in die Katakomben. Mit seiner mehr auf den Gegner als auf die eigenen Offensivqualitäten ausgerichteten Taktik lag der Tüftler dieses Mal daneben - ein folgenschwerer Irrtum.

„Im Nachhinein hätten wir dieses oder jenes machen können“, meinte Löw auf die Frage, ob er bei seinen erneuten Personal-Überraschungen mit Toni Kroos als zusätzlicher Kraft zur Neutralisierung der italienischen Mittelfeldzentrale einen Tick zu weit gegangen sei. Verbandschef Wolfgang Niersbach hob bei seiner Mitternachtsansprache im Teamhotel dennoch Löws enormen Verdienst für die „super EM“ des deutschen Teams hervor. „Der Weg dieser Mannschaft ist noch lange nicht zu Ende“, betonte der DFB-Präsident - einen Stimmungsumschwung konnten auch die aufmunternden Worte nicht auslösen.

Fluch bleibt bestehen

Löws Personal erlaubte sich zum Schrecken von 28 Millionen TV-Zuschauern in der Heimat ausgerechnet im K.o.-Spiel gegen die cleveren und abgezockten Italiener Aussetzer, die man bei den vier vorangegangenen EM-Siegen so nicht gesehen hatte. „Wir haben Fehler gemacht, die man auf diesem Niveau nicht machen darf“, räumte Kapitän Philipp Lahm ein, der selbst vor dem zweiten Treffer von Italiens schillerndem Stürmerstar Mario Balotelli schwer patzte.

Den Fluch, noch nie ein Pflichtspiel gegen die Azzurri gewonnen zu haben, wollte Lahm nicht mal als Erklärungsversuch akzeptieren. „Wir spielen auf Top-Niveau - und wir treffen auf Top-Gegner. Das liegt nicht an unserer Generation, dass Deutschland noch nie gegen Italien gewonnen hat bei einem Turnier“, betonte der Münchner.

Das Elfmetertor von Mesut Özil in der Nachspielzeit kam zu spät. Eine Diskussion über die Ausrichtung und Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft aber wollten weder Lahm noch Löw in der Stunde der Ratlosigkeit zulassen. „Wir sind absolut konkurrenzfähig. In unserer Zukunft sieht es gut aus. Aber es gibt keine Garantie für diesen Titel“, meinte Lahm. „Grundsätzlich hatten wir zwei sehr gute Jahre. Die Mannschaft hat sich hervorragend entwickelt. Wir haben gegen eine wieder starke italienische Mannschaft verloren. Es gibt keinen Grund, etwas anzuzweifeln“, erklärte Löw vor dem Heimflug am Freitag.

Poldi: „Es gibt nur einen Sieger“

„Alle sind jetzt irgendwie enttäuscht. Aber im Fußball geht es weiter. Alle werden die Motivation finden, sich neue Ziele zu setzen“, glaubt der Bundestrainer, der anders als seine Vorgänger Helmut Schön, Franz Beckenbauer und Berti Vogts sein drittes Turnier als Chef nicht mit einem Titelgewinn krönen konnte. Insgesamt sei der EM-Auftritt positiv zu bewerten, meinte Löw: „Wir haben vier Spiele gewonnen und eins verloren. Die Mannschaft hat uns zwei Jahre viel Freude bereitet. Es gibt keinen Grund, alles infrage zu stellen.“

Mehr noch als bei der EURO 2008 und der WM 2010 bleibt bei Fans, Experten und den Spielern jedoch die große Unzufriedenheit, dass in einem entscheidenden Moment die eigenen Stärken nicht auf den Platz gebracht wurden. „Das ganz große Ziel haben wir nicht erreicht. Bei einem Turnier gibt es nur den Sieger“, haderte der gebürtige Pole Lukas Podolski mit der Ausbeute bei seinem Heimturnier. Seine Generation, der auch Lahm, Schweinsteiger, Miroslav Klose und Per Mertesacker angehören, hat nicht mehr so viele Titelchancen.

Löw und die Spieler hatten mit ihrem Optimismus, mit ihrem großen Selbstbewusstsein und vor allem mit den Vorrundensiegen gegen die Mitfavoriten Portugal und Holland dafür gesorgt, dass die Absturzhöhe einen Schritt vor dem Endspiel in Kiew extrem hoch war. Zwar sei das Halbfinale „kein Dreck“, bemerkte der einstige Weltmeister und Weltmeister-Macher Beckenbauer in seiner bekannten Art, schloss aber klar an: „Das war nicht die wahre deutsche Elf bei dieser EM. Irgend etwas fehlt uns noch.“

Das herauszufinden, wird die wichtigste Aufgabe für Löw und sein akribisch arbeitendes Team auf dem Weg zur WM 2014 in Brasilien sein. Der Bundestrainer will den „Durchlauf“ im DFB-Team weiter fördern. Der 52-Jährige hat schon angekündigt, dass noch jüngere Spieler noch mehr Druck auf die Etablierten machen sollen. Doch gerade die Italiener haben Löw gezeigt, dass Erfahrung und Cleverness in den Alles-oder-nichts-Spielen auf höchstem Niveau auch den Ausschlag geben können. Der Bundestrainer wird seine Schlussfolgerungen ziehen. (dpa)


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