Debütroman des Jahres: „Blasmusikpop“ von Vea Kaiser

Die 23-jährige Niederösterreicherin verfolgt das Treiben in einem erfunden Bergdorf und gewinnt dem Landleben viele positive Seiten ab.

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Wien – „Blasmusikpop“. So heißt nicht der nächste hilflose Versuch Österreichs, beim Song Contest wenigstens ein paar magere Wertungs-Pünktchen zu ergattern. So heißt ein Roman, über den in den nächsten Wochen wohl noch viel geschrieben und gesprochen wird. Das Debüt der 23-jährigen Niederösterreicherin Vea Kaiser hat alles, was man heute für einen Erfolg braucht: eine junge, hübsche, intelligente Autorin, die sich als Shooting-Star für Zeitschriftencovers ebenso eignet wie für die Besuchersofas von Talkshows sowie ein raffiniert geschriebenes Buch, das auf Retro macht, dem uralten Thema Heimatroman aber augenzwinkernd neue Seiten abgewinnt und dabei unterhält, ohne zu langweilen.

Ein Roman mit Witz und Charme

Im Blasmusikpop übt sich die Blaskapelle von St. Peter am Anger, um die Fußballmannschaft des FC St. Pauli anlässlich der Einweihung der neuen Flutlichtanlage des örtlichen Fußballplatzes gebührend zu empfangen. St. Peter ist der Schauplatz des Romans, ein der Fantasie der Autorin entsprungenes, am Reißbrett entworfenes, über „weltweit einzigartige Adlitzbeerenbaumbestände“ verfügendes, pittoreskes Alpendorf. Das Fußballspiel, das die Öffnung des Ortes gegenüber dem Rest der Welt und das Ende einer jahrhundertelangen, stolzen, selbst gewählten Isolation einleitet, steht am Ende des nahezu 500-seitigen Buches. Neben einem an Kinderbücher erinnernden gezeichneten Orientierungsplan enthält es auch eine mehrseitige Liste der handelnden Personen. „Blasmusikpop“ ist eine über mehrere Generationen reichende Dorfchronik, in der es nicht immer leicht ist, den Überblick zu bewahren.

Eindeutig kein langweiliger Heimatroman

Bevor aber Blasmusikpop intoniert wird, ja lange, bevor der Protagonist des Buches, der junge Johannes A. Irrwein, überhaupt seinen ersten Auftritt hat, erfährt man, „wie die Wissenschaft in die Berge kam“, wie einem bereits im Untertitel versprochen wird. Die Geschichte beginnt im Jahr 1959, als dem Holzschnitzer Johannes Gerlitzen ein Bandwurm diagnostiziert wird. In der Dorfbibliothek vertieft er sich ins Studium der Lebensform jenes Tieres, das in seinen Eingeweiden heranwächst, und bald nachdem er unter Krämpfen einen 14,8 Meter langen und kurz darauf in Spiritus eingelegten Bandwurm ausgeschieden hat, entschließt er sich dazu, Unvorstellbares zu wagen: Der von Wissensdurst getriebene Mann zieht in die Stadt, absolviert - nach kleinen Tricks bei der Erlangung der Studienzulassung - ein Medizinstudium und kehrt als Arzt nach St. Peter zurück.

Forscherdrang und Unternehmungsgeist liegen in der Familie. Angesteckt von der Begeisterung für die erste Mondlandung baut Sohn Alois zehn Jahre später seine Seifenkiste zum Raumschiff um, und auch Enkel Johannes wird „Doktor Opa“ regelmäßig „zum Forschen“ besuchen. Der hochbegabte Bub, der mit einem Stipendium die Klosterschule der nächsten Stadt besuchen darf, tendiert jedoch eher zu den Geisteswissenschaften. Die Alten Griechen und vor allem der Geschichtsschreiber Herodot von Halikarnassos werden seine Vorbilder. Einzelne Abschnitte seiner Dorfchronik, in der er später die wechselvolle Isolationsgeschichte der „Bergbarbaren“ nachzeichnen wird, strukturieren die fortlaufende Erzählung, die als Heimat- ebenso wie als Entwicklungsroman gelesen werden kann.

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Ein bisschen Naivität muss sein

Dass sich Johannes vom Egghead und völligen Außenseiter zum integrierten und geachteten Mitglied der Dorfgemeinschaft entwickelt, daran sind der Fußball und die Liebe Schuld. Dabei entwickelt sich „Blasmusikpop“ zunehmend von einer sanften Satire aufs Dorfleben und seinen darüber kursierenden Klischees in ein Jugendbuch. Die Naivität, mit der da über Schule, Freund- und Liebschaften ebenso berichtet wird wie über die gemeinschaftlichen Vorbereitungen auf das Jahrhundertspiel (das übrigens 4:29 verloren geht), nimmt dem charmant erzählten Buch ein wenig seinen intelligenten Witz, trübt aber nicht den positiven Gesamteindruck. Dass Vea Kaiser erklärtermaßen kein „Dorf-Bashing“ betreiben, sondern die positiven Seiten des Landlebens betonen wollte, muss man nicht mögen. Dass ihr Buch originell ist und viele unterhaltsame Lesestunden beschert, muss man aber neidlos anerkennen. (APA)


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