„Wer das vorausahnt, ist ein Genie“

Keinen Grund für Panik sieht Landesgeologe Gunther Heißel. Der Hangrutsch in Inzing war ein Ausnahmeereignis. Ein gewisses Risiko würde es in den Alpen aber prinzipiell immer geben.

Von Marco Witting

Inzing – Er hat viel gesehen, so etwas aber noch nicht. Der Hang in Inzing bereitet Gunther Heißel, Chef der Landesgeologie, Kopfzerbrechen. Ganz sicher weil neue Setzungsbewegungen in dem Gelände zu erwarten sind. Aber auch weil dieses gewaltige Naturphänomen, das einen so tragischen Ausgang genommen hat, so ganz aus der Norm ist. Selbst der erfahrene Experte hat keine richtige Antwort darauf, warum der Hang – im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel – in die Tiefe gedonnert ist. Generell sieht er aber keinen Grund für Angst oder Panik.

Es müssen enorme Kräfte gewesen sein, die Sonntagnachmittag am Werk waren. Das Wrack mit den beiden Inzingern wurde rund 300 Meter mitgeschleudert und landete schließlich auf dem gegenüberliegenden Hang. Ein Schreckensszenario, vergleichbar mit einer Staublawine. Heißel versuchte die Vorzeichen dafür am Tag danach zu erklären: „Wir hatten heuer viel Schnee im Winter, der auf warmen Boden gefallen ist. Dazu kamen die Niederschläge der vergangenen Tage und Wochen. Der Hang hat tief im Inneren Wasser bekommen, auch wenn er oberflächlich staubtrocken ist.“ Wie eine Gletscherzunge hätte sich die Gesteinsmasse laufend bewegt. Im Millimeterbereich. „Für Laien und auch Experten ist das nicht wahrnehmbar.“ Sonntagmittag wurde das zu viel – und zum großen Knall.

„Wer so was vorausahnen kann, ist ein Genie“, sagte der Landesgeologe. Hätte man ihn Sonntagvormittag nach einem Gutachten für die betroffene Stelle gefragt, Heißel ist sich sicher, dass sie als unbedenklich eingestuft worden wäre. Kopfzerbrechen bereitet den Experten der Zeitpunkt des Unglücks. „Wir wissen, dass etwas sehr oft beim Wechsel von Frost zu Tauwetter passiert. Wir haben auch oft festgestellt, dass wir häufig Abbrüche in der Nacht haben. Für Inzing haben wir aber keine beweisbare Antwort.“

Ob Ähnliches auch in anderen Landesteilen passieren könne? Generell wisse man, wo es Probleme gibt, erklärt Heißel. Aber: „Es wird immer ein verbleibendes Risiko­ geben, das uns in diesem Fall auf tragische Weise vor Augen geführt worden ist.“ Es stünde fest, dass „da und dort etwas passieren wird“. Wann und wie viel, das lasse sich eben nicht immer prognostizieren. Es sei aber kein Grund, die Bevölkerung in Panik zu versetzen. Im Gegenteil. „Ich glaube, mit Hausverstand und Sorgfalt ist sicher mehr gewonnen als mit Negativszenarien.“ Man müsse in Zukunft darauf schauen, dass im Land gute Forstwege mit entsprechendem Untergrund gebaut werden. Schon eine nicht intakte Ausweiche könne beispielsweise einen fatalen Hangrutsch auslösen.

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In der schwer geschockten Gemeinde Inzing waren Probleme in dem Gebiet bekannt. Allerdings nur sehr lokal beschränkt und kleinräumig. Von einem derartig gewaltigen Abbruch wurde die Gemeinde völlig überrascht. Bürgermeister Kurt Heel berichtete davon, dass man mit der Wildbach- und Lawinenverbauung in Kontakt war, um das Gelände langfristig zu sichern. Für den Siedlungsraum habe es unterdessen zu keiner Zeit eine Gefährdung gegeben.

Der meterhoch verschüttete Weg wird noch lange Zeit gesperrt bleiben. Derzeit gibt es 15 bis 30 Meter hohe und sehr steile Böschungen, die durch den Hangrutsch entstanden sind. Seitens der Landesgeologie geht man davon aus, dass es hier noch einige Setzungen geben wird. Ob und wie der Weg wieder herzustellen ist, könne noch nicht abgeschätzt werden.

Der Notweg, über den am Sonntag die 150 Almbesucher ins Tal kamen, wird gesichert und an einer Stelle verbreitert. Die Strecke wurde von den Geologen ebenfalls genau unter die Lupe genommen. Auch hier hatte es zuletzt kleine Abbrüche gegeben.

Landeshauptmann Günther Platter versprach nach einem Lokalaugenschein in Inzing die entsprechenden Mittel für notwendige Verbauungen zur Verfügung zu stellen.


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