Vom alltäglichen Wahnsinn und von scheinbarer Wirklichkeit

Mit eindringlichen Bildern schildert Janet Frame das Unglück einer von Krankheit und Armut geprägten Familie.

Von Elisabeth Attlmayr

Innsbruck –In Waimaru­, einer fiktiven neuseeländischen Kleinstadt, lebt die Familie des Eisen­bahnarbeiters Bob Withers am Rande einer Müllhalde, wo die Kinder Francie, Daphne, Toby und „Chicks“ spielen und nach Schätzen suchen. In der Schule gelten die vier als schmutzig, arm und eigenartig, umso mehr, da Toby an epileptischen Anfällen leidet und Daphne­ sich immer mehr von der Realität entfernt. Die älteste Schwester Francie muss bereits mit zwölf Jahren von der Schule abgehen, da das Geld nicht reicht. Ihr ebenso sinnloser wie grotesker Unfalltod markiert das Ende der Kindheit für die Withers-Kinder. Zwanzig Jahre später ist Daphne in einer psychiatrischen Anstalt.

Die 2004 verstorbene neuseeländische Schriftstellerin Janet Frame verarbeitet in ihrem ersten, bereits 1957 erschienen Roman „Wenn Eulen schreien“ (C. H. Beck), der jetzt in einer neu überarbeiteten Übersetzung vorliegt, zahlreiche autobiographische Elemente. Frame, die jahrelang fälschlich als schizophren galt, kannte die psychiatrischen Methoden der Zeit aus eigener Erfahrung und schildert sie mit schmerzhafter Präzision. Waimaru ist unschwer als Oamaru zu erkennen, wo die Autorin ihre Kindheit verbrachte. Frame verdichtet diese Welt zu einem poetisch-realistischen Kosmos; das Selbsterlebte ist nur Ausgangspunkt der Darstellung.

Besonders dicht ist die Schilderung des sozialen Umfelds der Withers: Die Zwänge, in denen sie leben und denen sie ausgeliefert sind, fängt der Roman behutsam ein. Man riecht förmlich den Geruch der Müllhalde, den Mief der ungelüfteten Wohnung, die staubigen Straßen. Die traurige Resignation Francies, die vor der Zeit erwachsen werden muss, die Hilflosigkeit der Mutter angesichts der Schwierigkeiten ihrer Familie und der Machtanspruch des Vaters werden ebenso wie die Kleinstadt-Atmosphäre und die vergeblichen Ausbruchsversuche der Kinder vielfältig lebendig. Eindringlich gestaltet sind die Passagen, die aus Daphnes Perspektive erzählt sind: Ihre Wahnvorstellungen verbinden sich mit der Welt der Heilanstalten zu einem Panoptikum aus Schmerz, Grausamkeit und Realitätsverlust.

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