Pussy-Riot-Prozess: Angeklagte wollen Putin nicht um Gnade bitten

Unbeugsam bis zum Schluss präsentieren sich die angeklagten Aktivistinnen des kremlkritischen Punk-Kollektivs Pussy Riot. In Moskau ist die Aufregung groß - Hunderte Anhänger der jungen Frauen wollten zum Gericht kommen.

Moskau - Unmittelbar vor dem Urteil gegen drei Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot haben die Angeklagten einem Gnadengesuch an den russischen Präsidenten Wladimir Putin eine klare Absage erteilt. „Machen Sie Witze? Natürlich nicht. Eher sollte er uns und Sie um Gnade bitten“, schrieb die Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa (22) der regierungskritischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ (Online). Sie glaube nicht an ein unabhängiges Urteil. „Das ist eine Illusion“, hieß es. Mehrere hundert Anhänger der Feministinnen wollten vor dem Gericht in Moskau ihre Unterstützung zeigen.

Gerichtsgebäude abgesperrt

Verteidiger Mark Fejgin rief dazu auf, bei der Solidaritätsaktion auf Masken, Fahnen und Transparente zu verzichten. Sonst drohe eine Festnahme wegen Teilnahme an einer illegalen Kundgebung, sagte Fejgin der Zeitung Nowyje Iswestija (Freitag). Die Moskauer Polizei sperrte das Gerichtsgebäude nahe dem Moskwa-Fluss ab.

Die Staatsanwaltschaft forderte für jede der drei jungen Frauen drei Jahre Haft wegen Rowdytums aus religiösem Hass. Sie hatten am 21. Februar in der wichtigsten Moskauer Kathedrale mit einem Punkgebet gegen die Rückkehr Putins in den Kreml sowie die enge Verzahnung von Staat und Kirche in Russland protestiert. Die Verteidigung kritisiert den Prozess als politisch motiviert.

„Wir sind glücklich, dass wir unabsichtlich das Epizentrum eines großen politischen Geschehens geworden sind, das so viele verschiedene Gruppen einbezieht“, meinte Tolokonnikowa. Eine Flucht ins Exil lehnte sie wie ihre Mitangeklagten Jekaterina Samuzewitsch (30) und Maria Aljochina (24) ab.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Das Urteil sei ein „Signalfall“ für die Menschenrechte in Russland, sagte Friederike Behr von der Organisation Amnesty International dem Deutschlandradio Kultur. Die Entscheidung sei ein Zeichen, ob es mit der Meinungsfreiheit weiter bergab gehe oder ob noch Hoffnung bestehe. Amnesty erkennt die jungen Frauen, von denen zwei Mütter sind, als politische Gefangene an.

Weltweit Solidaritätskundgebungen geplant

Eisengitter blockierten bereits am frühen Morgen an beiden Seiten die Zufahrt zum Gericht, wie die Agentur Interfax meldete. Zahlreiche Polizeibusse seien vorgefahren. Schon Stunden vor dem Urteil warteten Dutzende Journalisten vor dem Gebäude.

Weltweit sind kurz vor der Urteilsverkündung um 13.00 Uhr (MESZ) Solidaritätsaktionen geplant. In Moskau und Bulgarien stülpten Anhänger der jungen Frauen Denkmälern bunte Sturmhauben über, das Markenzeichen von Pussy Riot. In Moskau wurde ein Aktivist festgenommen, ihm drohen bis zu 15 Tage Arrest. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew fällte eine Aktivistin der feministischen Gruppe Femen ein großes Holzkreuz mit einer Motorsäge. Ultranationalisten und strenggläubige orthodoxe Christen wollten hingegen für eine Verurteilung demonstrieren.

Die Mehrheit der Russen glaubt einer aktuellen Umfrage des Lewada-Zentrums zufolge, das Verfahren sei fair und unabhängig verlaufen. Nur eine Minderheit halte Putin oder Patriarch Kirill für die Initiatoren der Anklage, berichtete die Zeitung Kommersant. (APA/dpa)


Kommentieren


Schlagworte