Der Tod und die Liebe macht sie alle gleich

Claudio Monteverdis „L‘Incoronazione di Poppea“ wurde zum Fest der jungen Musikergeneration.

Von Markus Hauser

Innsbruck –Eines der berührendsten Liebesduette des Barock dem wohl verruchtesten Paar der Geschichte in die schmachtenden Seelen gelegt. Gemeiner geht es wohl nicht, möchte man da meinen. Und überhaupt, wie kommt es, dass die hinterhältigste, machtgeilste Hure Roms mit dem prominentesten, sadistischen Pyromanen der Geschichte im siebten Himmel schwebend alle Erfüllung der Liebe und den Sieg der Liebe über alles zelebrieren darf. Der, dem die Idee kam, das Liebesglück der Nobelhure Poppea und Kaiser Neros über alles Irdische zu stellen und zu den Hauptprotagonisten seiner letzten im Jahre 1643 uraufgeführten Oper „L‘Incoronazione di Poppea“ zu machen, war Claudio Monteverdi.

Dass er seine Hauptdarsteller im intrigengesättigten, alten Rom suchte, hatte mehrere Gründe. Monteverdi verließ die bis dato übliche myth(olog)ische Stofftradition und behandelte ein realgeschichtliches Thema. Über eine solch besinnungslos pervertierte Liebe, Mord und Totschlag inklusive, quasi das Hohelied der Liebe anzustimmen, war die maximale Provokation für Kirche, Politik und Gesellschaft. Ein Blick ins Heute zeigt Korruption nicht nur in Bananenrepubliken, Städte auf Knopfdruck in Flammen gesetzt, Existenzen mit einem Wink ausgelöscht. Doch wie inszeniert man dieses Spektakel ohne große Technik, bar jeglicher opulenter Bühnenbilder. Mit einer beeindruckend dramatisch-psychologischen Vergegenwärtigung der Problematik überraschten die Innsbrucker Festwochen im Rahmen des Akademieprojektes „Barockoper: Jung“ und zeigten unter der Regie von Jakob Peters-Messer im Innenhof der Theologischen Fakultät die „L‘Incoronazione di Poppea“ als tiefsinnigen Seelenstriptease. Besetzt mit Preisträgern und Teilnehmern des internationalen Gesangswettbewerbes für Barockoper Pietro Antonio Cesti galt es durchwegs gesangliche Delikatesse zu goutieren.

Instrumentale Minimalbesetzung mit maximaler den Gesang konturierender Wirkung. Dass unter den Musikern keine lang gedienten Alte-Musik-Spezialisten steckten, sondern fast durchwegs junge, sensationell mit der Rhetorik Monteverdis vertraute Musiker der Schola Cantorum Basiliensis, mochte man kaum glauben. Unter der Gesamtleitung von Massimiliano Toni wurde der geheimnisvolle Zauber dieser mit so viel Feinsinn ausgestatteten Musik freigelegt. So manch klingender Name ließ bei großen internationalen Produktionen schon den guten Klang vermissen. Nicht so in Innsbruck. Die junge Sängergarde präsentierte sich gesangstechnisch großartig, erfüllt mit ungemein viel innerer Spannung, Verve und Einfühlungsvermögen. Emöke Baráth als Poppea, mal neckisch, mal eiskalt machtgeil, verführt nicht nur Nerone mit der irisierenden Klangschönheit ihrer Stimme. Mit nicht weniger wunderbarer Stimmfärbung kann Tehila Nini in der Rolle des Nerone aufwarten. Im Piano Substanz, tragfähig in der Höhe, mit dramatischen wie feinen Nuancen. Den Ottone in der Person des Rupert Enticknap, seelenvoll ohne Zweifel, in Szenen von Wut und Verzweiflung hätte man sich ihn etwas schlagkräftiger gewünscht. Giuseppina Bridelli als Ottavia, was für ein Auftritt, hat bei aller Klangschönheit ihrer Stimme auch die Intensität glaubwürdig verzehrende Sehnsucht wie Mordgelüste zu transportieren. Mit Gianluca Burattos aus satten Tiefen strömendem Bass durfte man einen gesammelten, kraftvoll interpretierten Seneca erleben.

Die in verschiedenen Rollen auftretenden Anna Maria Sarra (Drusilla), Jeffrey Francis (ungemein witzige, vielschichtige Arnalta), Martin Vanberg, Mert Süngü und Gianluca Margheri sangen ausgesprochen kultiviert, schön phrasierend, mit lyrischem Schmelz und wo erfordert mit Durchschlagskraft. Die Gesellschaftskritik war zugegebenermaßen leicht konsumierbar, die psychologische Deutung schürfte dafür umso tiefer. Musikalische Erfüllung und psychologische Konzentration sorgten für volle Konzentration beim Publikum.


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