Verlierer sind der Anreiz für Gewinner

Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier zeichnet ein düsteres Bild von der Jugend. Sie glaube nur an sich und stelle die Selbstverwirklichung über alles. Verantwortlich dafür macht er aber die Welt der Erwachsenen.

Von Gabriele Starck

Alpbach –„Keine Mission, keine Vision, keine Revolution.“ Unter diesen provokanten Titel stellt Bernhard Heinzlmaier vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung beim morgigen Fachhochschulforum in Alpbach seinen Beitrag über die Jugend. Und Heinzlmaier rückt auch im persönlichen Gespräch mit der TT nicht davon ab. „Umfragen lassen erkennen, dass den Jugendlichen Ideen, Utopien und politische Dinge fremd sind“, sagt er: „Ihnen ist das individuelle Fortkommen wichtiger als das Zusammenhelfen.“ Dies könne man der Jugend aber auch nicht vorwerfen. „Es ist eine logische Entwicklung, weil wir in einem Wirtschaftssystem der neoliberalen Ökonomie leben. Es reguliert nicht, sondern ist auf konkurrierende Eigeninteressen ausgerichtet. Der Individualismus wird heilig gesprochen“, sagt Heinzlmaier.

Die Einstellung für die Gemeinschaft sei verloren gegangen. Heute sei gefordert, weit zu kommen. „Wer sich rücksichtslos verhält, wird ausgezeichnet. Sportler wie Hermann Maier oder Markus Rogan, „die unbeirrbar ihren eigenen Weg gehen“, seien die Helden, ein Frank Stronach die Modellkarriere schlechthin. „Wer egoistisch ist, kommt zum Erfolg. Das ist die Idee.“

Für Heinzlmaier erklärt sich daraus auch die Diskrepanz zwischen dem Optimismus, den die Jugendlichen an den Tag legen, wenn es um ihre persönliche Zukunft geht, und dem Pessimismus, wenn es um die Entwicklung der Gesellschaft allgemein geht: Selbst schafft man es, der Rest wird untergehen, hätten 70 Prozent in der Jugendwerte-Studie 2011 vermittelt. Denn Konkurrenzgesellschaft impliziere Verlierer. Sie seien in Wirklichkeit der Anreiz für Gewinner. „Wir brauchen Verlierer – die Hartz-IV-Ghettos in der Großstadt, den XV. Wiener Gemeindebezirk, denn sonst macht es ja keinen Sinn, in Hietzing zu wohnen“, sagt der Jugendforscher.

Heinzlmaier ortet allgemein eine Radikalisierung der Individualität. „In einer Gesellschaft, in der das Individuum über alles geht, sind Umwelt- oder Klimaschutz völlig uninteressant. Das alles wird auf dem Altar der Eigeninteressen geopfert.“ Es werde regelrecht verdrängt, dass „wir alles zugrunde richten“.

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So neu sei diese Entwicklung aber gar nicht, betont Heinzlmaier. Die Menschen lebten seit den 1960er-Jahren in Phasen der Individualisierung. Aufstieg, Reichtum, der Einzelne – all das stehe im Mittelpunkt. Doch die individuellen Tendenzen in den 60ern seien noch im Gemeinschaftskontext eingebettet gewesen. Heute sei der Egozentrismus viel deutlicher ausgeprägt. „Im urbanen Bereich sind diese Bänder der Gemeinschaft bereits völlig zerschnitten“, gibt er zu bedenken und nennt ein Beispiel, wie sich all das auch in der Sprache niederschlägt: „Heute heißt es nicht mehr Vergemeinschaftung, sondern Vernetzung. Nur: Vernetzung geschieht allein zum eigenen Wohl, nicht zu dem der Gemeinschaft.“


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