Sprint-Duelle gegen Männer auf zwei Federn

Der Lienzer Leichtathlet Robert Mayer (31) startet als einer von vier Tirolern bei den Paralympischen Spielen in London (ab 29. 8.).

Von Roman Stelzl

Innsbruck –„Kommt jetzt etwa­ schon wieder diese Fußballgeschichte?“ Robert Mayer­ stöhnt. Er weiß, um was es gleich geht. Egal, wie viele­ Kapitel das Lebensbuch des 31-jährigen Lienzer füllen mögen, so führt doch jedes Gespräch unweigerlich irgendwann auf das Jahr 1998 zurück. Und damit zu jenem Sommertag, an dem ein unerfahrener Mayer mit 17 Jahren, der erst kurz zuvor ein Probe­training des italienischen Fußball-Klubs AC Parma absolviert hat, den fröhlichen Disco­besuch am Osttiroler Bahnhof beendet. Leichtsinnig­ steigt Mayer an diesem Tag auf einen Zug. Er turnt nahe der Hochspannungsleitung, die Kollegen sehen zu. Ehe es dunkel wird. 15.000 Volt jagen durch den Körper des jungen Mannes, der seine Augen erst wieder im Krankenhaus aufmachen wird. Als Überlebender­. Mit Schmerzen. Und ohne­ rechten­ Unterschenkel.

Es ist der Untergang einer möglicherweise glanzvollen­ Fußball-Zukunft. Und die Wieder­geburt als Behinderten­sportler. Mayer wird seinen Weg von da an auf der Leichtathletikbahn fristen, er wird Weltmeister werden (200 m/2007, 400 m/2009), österreichische Rekorde pulverisieren – und nun, am 29. August, in London seine zweiten Para­lympischen Spielen bestreiten. „Mein Ziel ist ein Finalplatz über 200 Meter. Wenn ich mein Bestleistung abrufen­ kann, bin ich zufrieden“, blickt der zweifache Familienvater voraus.

Die Vorbereitung verlief nach Plan, jede „freie Minute­ und jeder Euro“ werden in den Sport investiert. Doch damit taucht auch schon das große Problem auf. Training alleine­ hilft nicht mehr, die Spiele­ sind nicht mehr das, was sie 2004 bei Mayers Premiere­ waren­.

Das Event folgt dem Ruf der medialen Gestaltung, der Vermarktung, der Verständlich­keit­. Klassen werden zusammen­gelegt oder ganz gestrichen, Schwerbehinderte­ benachteiligt. Keiner weiß mehr so recht, wie man das nun mit dem Gedanken der Fairness verbinden soll. Auch Mayer nicht: „Das sind die unfairsten­ Spiele aller Zeiten­. Da bereiten sich manche Sportler­ sechs Jahre vor, und dann wird plötzlich ihr Bewerb gestrichen­. Wie will man das erklären?“

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Er selbst muss fast ausschließ­lich gegen beidbeinig amputierte Sportler mit zwei künstlichen Federbeinen (wie Medienliebling Oscar­ Pistorius­) antreten. Früher­ ein Ding der Unmöglichkeit – heute gang und gäbe. „Diese­ Sprinter tun sich mit der Koordi­nation leichter. Sie haben­ klare Vorteile gegenüber Läufern­ wie mir.“

An seiner Zielsetzung ändert­ das nichts mehr. Und die Form passt ohnedies: Beim Meeting in Innsbruck lief Mayer­ heuer­ in 23,78 Sekunden einen neuen Behinderten­rekord. Als Fünfter­. Unter nicht behinderten­ Sportlern.


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