Ein formstabiles Chamäleon

Oswald Oberhuber ist zwar 81, er erfindet sich aber täglich neu. Als Rahmenprogramm zum Europäischen Forum Alpbach zeigt er in der Reither Galerie Schmidt viel ganz Neues.

Reith/Alpbachtal –Mit seinen 81 Jahren stünde es Oswald Oberhuber durchaus zu, zufrieden auf sein Lebenswerk zurückzuschauen. Tut er aber nicht. Um sich stattdessen täglich neu zu erfinden. Und so zeigt der Künstler in der Reither Galerie Schmidt nicht nur Kostproben aus diversen Phasen seines malerischen, grafischen und bildhauerischen Werks, sondern eine Reihe von Arbeiten, deren Farbe kaum getrocknet ist.

Angefangen von einer schrägen Skulptur, die der 17-jährige Gewerbeschüler aus Bronze und Karton gemacht hat, gefolgt von schönen, allein aus der Linie entwickelten Zeichnungen, minimalistisch poetischen Farbfeldern, gemalten Gedichten, Zahlenreihen, opulent Blumigem und makaber „Gehängten“. Oswald Oberhuber sei ein Chamäleon, das trotz ständigen Farbwechsels seine Form nie verändere, sagte Peter Weiermair in seiner Vernissagerede. Letztlich ein Postmoderner par excellence, worauf Oberhuber kontert: „Alles nicht wahr.“ Weshalb wir ihn lieber selbst zu Wort kommen lassen.

Als 27-Jähriger haben Sie ein Manifest verfasst, in dem Sie die permanente Veränderung zum Prinzip Ihrer Kunst erklärt haben. Gilt das noch immer?

Oswald Oberhuber: Das ist immer noch so und wird es immer sein. Besteht für mich das Prinzip des Schöpferischen doch darin, sich prinzipiell nicht zu wiederholen. Oder nur ganz gering. Für mich gibt es auch keine Entwicklung eines künstlerischen Oeuvres, nur dessen Veränderung. Ist die Kunst eines alten Künstlers prinzipiell doch nicht besser als die eines jungen.

Bei Ihnen betrifft diese permanente Veränderung nicht nur das Inhaltliche, sondern auch das Technische. Was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass Sie ein sehr neugieriger Mensch sind.

Oberhuber: Wenn man so wie ich denkt, fällt einem praktisch ständig Neues ein. Wenn man die ständige Veränderung zum Prinzip gemacht hat, kann man gar nicht anders. Da fließt fast automatisch ständig Neues in einen hinein, eröffnen sich neue Möglichkeiten.

Was treibt Sie an? Oberhuber:

Meine laufende Unzufriedenheit. Ich bin nie restlos einverstanden mit dem, was ich mache. Und das ist mit ein zusätzlicher Antrieb. Letztlich mein Streben, zur Vollendung zu kommen. Diese könnte sich nachträglich erweisen. Aber das zu erkennen, ist nicht meine Aufgabe.

Sie sind also ein ewig Unzufriedener. Oberhuber:

Ja, das könnte man behaupten. Zumindest was meine Arbeit betrifft. Wenn auch nicht in dem Sinn, dass das, was ich mache, mir nicht gefällt. Mich aber treibt, ständig neu zu beginnen.

Eine Arbeit entsteht also aus der anderen. Mit dem Ergebnis von teilweise großen Zyklen. Oberhuber:

Ja, in etwa so funktioniert das. Besonders wenn ich mich speziellen Themen widme. Etwa als ich mich in die „Leidenschaften des Prinz Eugen“ vertieft habe. Wo es um die Widergabe von Gefühlen gegangen ist, seine Abhängigkeit von der Architektur, der Musik, der Kunst. So etwas interessiert mich sehr. Aber wenn so ein Thema ausgereizt ist, freu‘ ich mich immer auf etwas in jeder Beziehung wieder ganz anderes.

Was Sie auch gern mögen, sind Auftragsarbeiten, etwa im Zusammenhang mit Ausstellungseinladungen.

Oberhuber: Ja, das ist für mich ein Anlass, nachzudenken. In diesem Zusammenhang passiert mit mir im besten Fall sehr viel. In diesem Kontext spielt immer auch Musik eine große Rolle, wird im übertragenen Sinn zu einem großen Anreger.

Ihnen hing viele Jahre lang der Ruf eines Provokateurs an, indem Sie zu Fragen der Kulturpolitik Ihre nicht immer bequeme Meinung geäußert haben. Oberhuber: Zu provozieren war nie meine Absicht. Zu so manchem meine Meinung zu sagen, war aber schlicht und einfach eine Notwendigkeit. Wenn ich das Gefühl hatte, dass prinzipiell Wichtiges völlig falsch angegangen wird, musste ich mich einfach melden. Um gehört zu werden, muss man allerdings eine öffentliche Funktion zu haben. Und als langjähriger Rektor der Wiener Akademie für angewandte Kunst hatte ich eine solche. Aber waren Sie mit Ihren Wortspenden auch erfolgreich? Oberhuber:

Das kann man im Nachhinein schwer beurteilen. Wichtige Dinge, die notwendig gewesen wären, sind aber sicher nicht passiert.

Aber auch Ihre Kunst wird oft als provokativ empfunden. Gerade in der Ironie, dem Humor, der prinzipiellen Stillosigkeit, die sie ausstrahlt. Um etwa mit der „Röhrenplastik“ für dieInnsbrucker Chirurgie in den frühen 70iger-Jahren an die Grenzen der gesellschaftlichen Akzeptanz zu stoßen.

Oberhuber: Der Grund dafür war schlicht und einfach, dass die Menschen die Aussage dieses Kunstwerks nicht begriffen haben. Prinzipiell ist es aber ganz und gar nicht meine Absicht, zu provozieren.

In der aktuellen Ausstellung zeigen Sie viele ganz neue Arbeiten. Der Beweis dafür, dass Sie trotz Ihrer 81 Jahre Ihre Lust, Kunst zu machen, nicht verloren haben. Oberhuber:

Ja, ich arbeite täglich. Es fehlt mir, wenn ich es nicht tue. Außer wenn ich auf Urlaub bin, bin ich doch keiner, der am Meeresrand sitzt und den Sonnenuntergang aquarelliert.

Das Interview führte Edith Schlocker