Melville, Metaphern, Mythen

Chad Harbach erzählt in seinem Debütroman „Die Kunst des Feldspiels“ von den Qualen des Scheiterns.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Die spektakulären Auktionen, bei denen sich US-Verlage mit Millionenbeträgen für Manuskripte überbieten, verfolgen auch die Strategie, die Neugier auf ein neues Buch zu entzünden.

Chad Harbach, Jahrgang 1975, hatte zehn Jahre lang an seinem Text über die Welt des College-Baseballs geschrieben und verzichtete wegen einer literarischen Korrelation auf viel Geld, damit „Die Kunst des Feldspiels“ in jenem Verlag erscheinen konnte, der 1996 „Unendlicher Spaß”, das Wunderwerk von David Foster Wallace, veröffentlichte.

Diese Entscheidung, aus Gründen von Moral oder Integrität einer Verführung zu widerstehen, ist auch die Geschichte des Romans, der seinen Helden Henry Skrimshander bei seinen Wurfübungen begleitet.

Für Henry wäre nach der Schule die Laufbahn eines Schlossers vorgesehen, doch seine Begabung als Shortstop, der ein Baseballspiel lenken kann, bringt ihn von South Dakota an eine kleine Universität „in der Daumenfalte eines Baseballhandschuhs namens Wisconsin”. Henry besitzt nur ein einziges Buch. Es enthält unter dem Titel „Die Kunst des Feldspiels“ die nach Paragraphen geordneten Erkenntnisse und Erfahrungen des legendären, doch fiktiven Spielers Aparicio Rodriguez: „Der wahrhaftige Spieler lässt den Weg des Balls zu seinem eigenen werden, denkt sich in ihn hinein und lässt das eigene Ich, die Ursache allen Übels, auch einer schlechten Verteidigung, hinter sich.” Henry wird schnell zu einem Objekt der Begierde für nationale Spielerscouts, die ein ähnlich perfektes Spiel noch nie gesehen haben. Einmal verlässt der Ball jedoch seine vorgesehene Bahn und verletzt Henrys farbigen und schwulen Zimmerkollegen Owen. Dieser Fehlwurf verwandelt das Talent in ein Wrack.

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Es gibt noch ein zweites Buch, das Chad Harbach auf fast jeder der 600 Seiten wie ein Segel am Horizont auftauchen lässt.

Eine Statue von Herman Melville dominiert den Campus des Westish College, das sich dem lukrativen Andenken des Autors von „Moby Dick” (1851)verschrieben hat. Der College-Präsident Guert Affenlight entdeckte als Student im Bibliothekskeller ein unbekanntes Melville-Manuskript und seither könnte Ahab um jede Ecke biegen. Die Metaphern über das Scheitern und Getriebenwerden gehören nicht mehr zu den Wellen des Meeres, sondern zum Rasen, der den Wurfhügel am Baseballfeld umgibt. Die Harpuniere sind First Baseman, Catcher und Pitcher. Es ist das große Spiel, die amerikanische Allegorie auf die Herausforderungen des Lebens, die Harbach in seinem grandiosen Roman spiegelt.


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