Wirtschaftspolitik

Hauskauf in USA nach der Krise: Ein Königreich für einen Kredit

Nach der Finanzkrise setzen die US-Banken auf extreme Sicherheit. Banken müssen Antragsteller massenweise abweisen, obwohl sie auf Geld sitzen, sagt ein Kreditsachbearbeiter bei einer Bank in Washington.

Von Gabriele Chwallek, dpa

Washington - Jeff P. ist ein Rechtsanwalt in Washington und arbeitet für die US-Regierung. Das macht ihn nicht wohlhabend, aber sein Einkommen ist solide, sein Job sicher. Dennoch wurde es zum Alptraum, als P., der seinen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, im vergangenen Jahr die historischen Niedrigzinsen in den USA nutzen und sein Haus neufinanzieren wollte.

Er ging zu der Bank, die ihm vor Jahren ohne Zögern den gewünschten Kredit für den Kauf des Eigenheims gewährt hatte. Nach einem finanziellen Striptease, der sich über fünf nervenzerreibende Monate erstreckte, hatte er schließlich den neuen Vertrag in der Tasche. „Das hätte ich mir nie träumen lassen“, sagt er, „nie wieder.“

Dabei gehört Jeff P. zu den Glücklichen. Ein Haus zu kaufen oder neu zu finanzieren ist für viele Amerikaner nach der Finanzkrise in unerreichbare Ferne gerückt. Nach den Jahren, in denen die Banken potenziellen Hauskäufern die Kredite nahezu aufdrängten, oftmals nicht einmal Einkommensnachweise anforderten, suchen die Geldinstitute nun Sicherheit im gegenteiligen Extrem. Antragsteller auch mit solidem Hintergrund werden derart auf Herz und Niere geprüft, dass es oft Monate dauert, bis der erlösende Brief oder die E-Mail eintrifft: „Glückwunsch! Wir haben ihrem Antrag stattgegeben.“

Chancen auf Kredit gering

Wenn sie ihm stattgeben. Gibt es auch nur kleine Anzeichen von finanziellen Problemen in der näheren Vergangenheit, sind die Chancen auf einen Kredit gering, erst recht auf einen zu den derzeit äußerst günstigen Zinsbedingungen.

Und das wiederum bedeutet, dass zumeist jene günstig kaufen oder neufinanzieren können, die es am wenigsten nötig haben. 2011 seien 90 Prozent aller neuen Hypothekenverträge an Haushalte mit hoher Bonität gegangen, vor dem Zerplatzen der Immobilienblase und der Finanzkrise 2008 sei es ungefähr die Hälfte gewesen, berichtet das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf die Wirtschaftsauskunfteien Moody‘s Analytics und Equifax.

So haben auch die staatlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac ihre Kreditstandards nach der Krise verschärft, das Kredit-Rating der Antragsteller muss deutlich höher sein als davor. Banken, so schreibt die Zeitung, befürchteten, dass Fannie und Freddie faule Kredite an sie zurückgäben. Ein großer Teil der Geldinstitute sei heute deutlich weniger geneigt, Haushalten mit geringer Bonität Geld zu leihen, auch wenn die Kredite von den staatlichen Hypothekenfinanzierern garantiert würden.

Giuliana Bernales kann ein Lied davon singen. Sie kaufte ihre Eigentumswohnung in Miami vor gut zwei Jahren. Acht Monate später verlor sie ihren Job, ihre Hypothekenzahlungen wurden unpünktlich. Dann bekam sie eine neue Arbeit und hätte ihre Wohnung gern neufinanziert. Aber die Banken ließen sie abblitzen. Nicht nur war der Wert ihrer Immobilie gesunken, sondern auch ihre Kreditwürdigkeit. Könnte sie den Zinssatz von 5,5 Prozent, den sie jetzt zahlt, auf vier Prozent oder sogar noch mehr senken, würde sie monatlich 200 Dollar einsparen. „Das hätte mir sehr geholfen“, zitiert sie das „Wall Street Journal“.

Bank sitzt auf Geld

Ned W. ist Kreditsachbearbeiter bei einer Bank in Washington, seit über 20 Jahren schon. Er schildert, dass er massenweise Antragsteller abweisen müsse. Die Bank sitze auf Geld, sagt er, aber eine baldige Lockerung der verschärften Kriterien bei der Kreditvergabe sieht er nicht kommen. „Es ist schon manchmal herzzerreißend, „nein“ sagen zu müssen“, sagt Ned.

Aber neben den persönlichen Schicksalen haben die von manchen Finanzexperten als Überreaktion bezeichneten Restriktionen auch eine große wirtschaftliche Dimension. Mit dem Niedrig-Leitzins von nahe Null will die US-Notenbank die Verbraucherausgaben ankurbeln und damit die blutarme Wirtschaft beleben. Nur: Die Niedrigzinsen kommen bei denen, die dadurch sparen könnten und woanders ausgeben würden, nicht an.

„Die Erholung wird von einer wirtschaftlichen Teilung gebremst, die Amerikaner nicht durch Einkommen oder Reichtum trennt, sondern durch ihren Zugang zum Kredit“, formuliert es das „Wall Street Journal“. Das Zerplatzen der Immobilienblase habe Millionen Menschen zurückgelassen, deren Kreditwürdigkeit durch gesunkene Häuserpreise, Jobverlust, früheres unverantwortliches Ausgabenverhalten oder auch nur Pech gelitten habe.

Auf der anderen Seite dürfte kürzlich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kein Problem gehabt haben, seine Hypothek von knapp 6 Mrd. Dollar (4,8 Mrd. Euro) auf sein Haus in Kalifornien neu zu finanzieren. Medienberichten zufolge soll er einen 30-Jahres-Vertrag mit einem flexiblen Zinssatz abgeschlossen haben, 1,05 Prozent als Ausgangspunkt. Steckt er das eingesparte Geld in den Konsum und hilft damit der Wirtschaft? Wohl kaum, sagen Kritiker. Zuckerberg habe schon vorher genug Geld gehabt, um zu kaufen, was er wolle. Er werde den zusätzlichen Reichtum investieren.

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