Runde Sache mit Ecken und Kanten

Der Kreisverkehr hat immer die gleiche Form und doch ist jeder einzigartig. Ein Rundumblick, fotografiert von Thomas Böhm.

Von Matthias Christler

Innsbruck –Die Ehrenrunde hat er sich verdient, der Kreisverkehr. So prächtig! Vielleicht ein zweites Mal der Kunst wegen rundherum, denn so schnell erschließt sich dem konzentrierten Lenker ja nicht, was das da in der Mitte darstellen soll. Die 120 Kreisverkehrsanlagen auf Tirols Landesstraßen und die ca. 50 bis 75 weiteren auf den Gemeindestraßen sind alle einzigartig.

Nachdem 1985 in Reutte der erste Tiroler Kreisverkehr der „Neuzeit“ eingeweiht wurde, wundern sich jeden Tag Autofahrer, wem es einfällt, an einem Punkt, wo mehrere Straßen aufeinandertreffen, ein Kunstwerk hinzupflanzen.

Kunst im Kreisverkehr, sie lenkt ab und das ist auch gut so. Erstens wird der Kreisverkehr durch die Erhöhung früher wahrgenommen. Zweitens soll der Lenker bei der Anfahrt gar nicht sehen, ob jemand auf der anderen Seite ebenfalls in den Kreisverkehr einfährt.

Die Psychologie im Kreisverkehr, die reduziert die Geschwindigkeit – und die Unfallzahlen. Eine Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) hat ergeben, dass an Kreuzungen, die von einer Ampelregelung zu einem Kreisverkehr umgebaut wurden, 60 % weniger Unfälle passieren. Die Zahl der verunglückten Personen nimmt um 68 % ab. Ein Argument, das überzeugt. Pro Jahr kommen in Tirol zwei bis drei neue Kreisel dazu, sagt Bernd Stigger, Leiter der Straßenverwaltung des Landes. Auch die zum Teil doppelt so hohen Kosten gegenüber einer Ampelregelung schrecken nicht ab. „Im langjährigen Durchschnitt betragen die Kosten für eine neue Kreisverkehrsanlage 450.000 €“, rechnet Stigger vor. Die niedrigere Geschwindigkeit ist nur ein Vorteil, hinzu kommt, dass der Verkehr flüssiger läuft und damit weniger Abgase verursacht.

Eine runde Sache, dieser Kreisverkehr. Aber er hat auch Ecken und Kanten. Eine Kreisverkehrsanlage braucht viel Platz. Einen weiteren Nachteil spricht Norbert Blaha, Chef des KfV Tirol, an: „Die Fußgänger und Radfahrer sind benachteiligt.“

Und diese Regeln! Nur 62 % der Autofahrer blinken richtig: nämlich nur beim Rausfahren und – wenn zwei Spuren vorhanden – beim Spurwechsel. Der Kreisverkehr mit zwei Spuren ist ohnehin ein Ort für geballte Fäuste und gegen die Scheibe gebrüllte Kraftausdrücke. Der Autofahrer auf der inneren Spur muss warten – und hoffen, dass ihn jemand rauslässt. Deshalb hat der Kreisverkehr sein eigenes Gesetz, das nicht in den Verkehrsregeln steht: Mit einem Blickkontakt, aber einem netten, mehr aufeinander schauen! Dann klappt‘s auch mit jedem Kreisverkehr.