Die einen kapitulieren, die anderen musizieren

„Dave gegen Goliath“: Im Zeitalter der sozialen Medien kann ein Einzelner Konzerne in die Knie zwingen. Dave Carroll hat‘s bewiesen.

Von Judith Sam

Innsbruck –Ein einziges Lied auf YouTube – dessen Produktionskosten bei 150 Dollar lagen – ließ die Aktien der amerikanischen Fluglinie United Airlines um zehn Prozent sinken. Klingt surreal? Der kanadische Sänger Dave Carroll machte es aber möglich.

2008 zerstörten Gepäckarbeiter der Fluglinie seine 3500 Dollar teure Gitarre beim Einladen. Um von United eine Entschädigung dafür zu bekommen, verfasste der Sänger der Band Sons of Maxwell unzählige Beschwerdemails. Neun Monate später erklärte die Fluglinie, sie werde die Gespräche einstellen – und er bekomme keinen Cent.

„Also begann ich den Kampf auf meine Weise fortzusetzen“, erklärt Carroll, einer der prominenten Gastredner bei der ersten Internationalen Konferenz für Service Design im MCI Tourismus in Innsbruck. Als erfahrener Songschreiber war es für ihn ein Leichtes, ein Protestlied gegen die amerikanische Firma zu schreiben. Den fertigen Song „United zerstört Gitarren“ stellte er auf YouTube.

„Meine Hoffnung war, eine Million Klicks in einem Jahr zu bekommen“, erzählt der zweifache Vater im TT-Gespräch. Das Ziel hatte er jedoch schon nach vier Tagen erreicht. „Die Leute sahen den Clip, begannen darüber zu diskutieren, es sprach sich herum und schnell war der Ruf der Airline angekratzt.“ In kürzester Zeit hatte die Fluglinie einen Verlust von 180 Millionen Dollar hinzunehmen. Carroll hatte nur 1200 Dollar Entschädigung in Form von Fluggutscheinen verlangt.

Wenige Tage später rief ihn die Fluglinie an. Sie bot ihm 1200 Dollar in bar und dieselbe Summe in Form von Gutscheinen an. Außerdem erklärte der Großkonzern, dass er das nicht wegen des Videos tue, sondern jeden seiner Kunden so behandeln würde.

„Zu diesem Zeitpunkt ging es mir nicht mehr primär um das Geld, sondern darum, etwas zu bewirken“, schildert der Folk-Band-Musiker. Dank des modernen virtuellen, viralen Marketings ist das möglich: „Jeder, der eine innovative Idee hat, kann sie ins Internet stellen. Wenn sie den Zeitgeist trifft und halbwegs professionell umgesetzt ist, wird sie sich im Internet via Mundpropaganda wie ein Virus verbreiten. So kann jeder von seiner Couch aus die Welt verändern.“

Carroll weiß, wovon er spricht. Vor der Gitarrenzerstörung war er nur in Kanada als Musiker bekannt. Seitdem wurde sein Protestsong knapp 14 Millionen Mal angeklickt. Er verfasste ein Buch über die Möglichkeiten des Einzelnen im Zeitalter der sozialen Medien und wurde als musikalischer Rebell weltberühmt.

Kürzlich war Carroll etwa beim amerikanischen Fernsehsender CNN zu Gast. „Vor mir interviewte man den amerikanischen Präsidenten Barack Obama, nach mir den Papst“, erzählt der bodenständige Kanadier, lächelt schüchtern und wirkt immer noch ein wenig überrascht über die enorme Resonanz auf sein Video.


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