Schwere Unwetter

Sturm, Hagel, Stromausfälle: Spur der Verwüstung im Unterland

Eine Sturmfront mit Starkregen und Hagel fegte am Samstagabend über Tirol und traf insbesondere die Bezirke Kitzbühel und Kufstein. Bäume stürzten auf Straßen, Dächer wurden abgedeckt. Tausende Haushalte waren ohne Strom. Die Feuerwehren hatten „gigantische Arbeit“ zu leisten.

Ellmau, Going - Entwurzelte Bäume, abgedeckte Häuser, zerstörte Autos und Gebäude, Tausende Haushalte ohne Strom: Ein Unwetter sorgte am Samstagabend vor allem im Unterland für Millionenschäden und Hochbetrieb bei den Feuerwehren. Die einzig gute Nachricht: Fast wie durch ein Wunder wurde niemand schwer verletzt.

Vor allem Ellmau und Going waren betroffen. Bei Wörgl stürzten Bäume auf die Inntalautobahn. Zudem mussten die Feuerwehren eingeklemmte Personen aus ihren Autos befreien und Häuser abdichten. Größere Schäden konnten dank dem raschen Einsatz verhindert werden.

Ellmau verwüstet

Fassungslosigkeit herrschte in Ellmau. Dort wütete das Unwetter vor allem im Ortszentrum, berichtete Bürgermeister Klaus Manzl der TT: „Das Dach des Feuerwehrhauses, in dem acht Wohnungen sind, wurde komplett abgetragen“ (siehe Bildergalerie). Das Haus musste evakuiert werden, die 13 betroffene Bewohner kamen bei Freunden, Bekannten und Anrainern unter.

Massive Schäden richtete der Sturm auch an den Dächern eines benachbarten Hotels und zweier Wohnhäuser an. „15 weitere Gebäude haben mittlere bis leichte Schäden“, erklärte Manzl. Verletzt wurde aber niemand. Die Loferer Straße (B178) musste bei Ellmau wegen umgestürzter Bäume komplett gesperrt werden.

Bei Going stürzte ein Baum auf die B178 und erfasste dabei ein Fahrzeug aus München. Ein in einem Kindersitz verwahrtes Baby sowie der Lenker wurden leicht verletzt und in das Krankenhaus St. Johann eingeliefert. Am Fahrzeug entstand Totalschaden. Außerdem stürzten mehrere Bäume auf unbesetzte Autos auf dem Parkplatz des Badesees Going.

Die Feuerwehren waren im Dauereinsatz. Insgesamt wurden in Ellmau bis Sonntagmorgen 35 Einsätze abgearbeitet, berichtet Kommandant Bernhard Moser. Einige Häuser wurden beschädigt, Dächer abgedeckt, Dachstühle weggerissen. „In der Nacht konnten wir bis 3 Uhr alle Häuser mit provisorischen Dächern abdichten, sodass kein Regen mehr eindringen konnte. Jetzt stehen noch Aufräumarbeiten an, Bäume müssen von Dächern entfernt werden.“

„Bis dato gewaltig verschont geblieben“

Ellmau sei „bis dato gewaltig verschont geblieben“, zeigt sich Moser erleichtert. „Wir haben bisher Glück gehabt, jetzt hat es halt nicht funktioniert.“ Klagen seien keine angebracht. Im heurigen Sommer seien andere Gebiete viel schwerer getroffen worden.

Landesfeuerwehrkommandant Klaus Erler machte sich am Sonntag in Ellmau ein Bild von den Schäden. „Es ist schon sehr massiv. Man muss froh sein, dass ein Gewitter dabei war. Dadurch waren keine Leute auf den Straßen, sonst hätte es noch zu Personenschaden führen können.“ Für die betroffenen Feuerwehren sei es letzte Nacht aufgrund der großen Objekte und Häuser sehr schwierig gewesen.

„Gigantische Arbeit“

„Es war eine gigantische Arbeit.“ Die Feuerwehren mussten sofort alles wegräumen und bei anhaltendem Regen mit dem Abdichten der Häuser beginnen. Durch das rasche Eingreifen der Einsatzkräfte konnte der Schaden eingedämmt werden. „Manche Feuerwehren haben die ganze Nacht gearbeitet. Die Mannschaften wurden in der Nacht ausgewechselt, die Männer waren völlig durchnässt. Einige Florianijünger sind nach wie vor beim Aufräumen.“

Auch aus anderen Orten in den Bezirken Kufstein und Kitzbühel wurden Schäden gemeldet: Zahlreiche Dächer von Privathäusern und Firmen wurden abgedeckt. Unter anderem das Tribünendach vom Sportplatz Wörgl oder das Dach der Volksschule in Going. Auch in Oberndorf gibt es viele beschädigte Häuser. Keller und Straßenunterführungen wurden überflutet.

Verwüstungen wurden außerdem in der Gemeinde Vals gemeldet. Im Talschluss der Altereralm ließen die Senner der drei bewirtschafteten Almen das eingestallte Vieh in Freiheit und flüchteten zu einer Nachbaralm. Wirtschaftswege und Materialseilbahn wurden dort komplett zerstört und waren am Montag laut Polizei weiter unpassierbar bzw. nicht betriebsfähig. Ob Vieh auf der Weide umkam, war zunächst unbekannt.

64-Jährige in Autowrack eingeklemmt

Im Stadtzentrum von Wörgl stürzte eine ca. 12 Meter hohe Fichte um, beschädigte dabei das Dach des Gasthofes Weißes Lamm und stürzte in weiterer Folge auf einen Pkw. Die 64-jährige Kufsteinerin, die hinter dem Gasthaus Schutz vor dem Hagel gesucht hatte, musste von der Feuerwehr Wörgl aus dem total beschädigten Autowrack geborgen werden. Sie wurde von der Rettung und vom Notarzt versorgt und zur Untersuchung ins Krankenhaus Kufstein gebracht. Sie dürfte unverletzt geblieben sein.

Der Helfer, der die im Pkw eingeschlossene Lenkerin bis zum Eintreffen der Rettungskräfte betreute, zog sich an Armen und Beinen durch die Glassplitter der zerborstenen Autoscheiben mehrere leichte Schnittverletzungen zu.

Pkw-Insassen durch Baumsturz verletzt

In Angerberg, Achleit, wurde ein Baum durch den Sturm umgerissen und stürzte auf ein Haus sowie auf einen Pkw. Die Insassen des Wagens, ein deutsches Ehepaar, wurden unbestimmten Grades verletzt. Die beiden 77-Jährigen wurden von der Rettung und vom Notarzt erstversorgt und anschließend ins Krankenhaus Kufstein gebracht.

Tausende Haushalte von Stromausfällen betroffen

Zeugen berichteten von traubengroßen Hagelkörnern, die im Raum Kramsach niedergingen. Bei Angerberg und Wörgl herrschte zudem akute Stromschlaggefahr durch herabgefallene Leitungen.

Mehr als 36.000 Haushalte waren Samstagabend teilweise stundenlang ohne Strom. Betroffen waren mehr oder weniger die Gemeinden Angath, Angerberg, Aurach, Brixen im Thale, Ellmau, Fieberbrunn, Going, Hopfgarten, Itter, Jochberg, Kirchberg, Kirchbichl, Kirchdorf, Kitzbühel, Kundl, Oberndorf, Radfeld, Reith bei Kitzbühel, St. Jakob in Haus, St. Johann, St. Ulrich am Pillersee, Schwendt, Söll, Unken, Waidring, Westendorf, Wildschönau und Wörgl.

In der Nacht auf Sonntag konnte die Stromversorgung wieder hergestellt werden. Die Schäden an den Mittel- und Hochspannungsleitungen wurden noch in der Nacht behoben, berichtet Klaus Schüller von der Tiwag. „Um 2.30 Uhr wurden letzte Schäden an einer Mittelspannungsleitung beseitigt.“ Kunden, die aufgrund von Schäden an Niederspannungsleitungen noch keinen Strom haben, können sich unter der Telefonnummer 050708123 (Störungshotline) melden.

Murenabgänge auch im Oberland

Vom Unwetter waren andere Teile Tirols ebenfalls betroffen: kleinere Erdrutsche, umgestürzte Bäume, überflutete Keller und abgedeckte Dächer wurden gemeldet. In Seefeld ging gegen 18 Uhr im Bereich der „Rosshütten-Klamm“ eine Mure ab. Ein Forstweg wurde teilweise verschüttet. Die Brennerstraße (B182) zwischen Innsbruck und Schönberg wurde vermurt und musste gesperrt werden.

Kleinere Einsätze gab es auch im Oberland. In Zams war es am Samstagabend zu einem Erdrutsch gekommen, in Pfunds zu einer Verklausung. In Jerzens im Bezirk Imst kam es ebenfalls zu einem Erdrutsch. Dort wurde die Gemeindestraße vermurt und musste für kurze Zeit gesperrt werden.

Pitztaler Ache über Ufer getreten

Zudem wurde die Verbindung zum Hahntennjoch durch das Unwetter in Mitleidenschaft gezogen. Die Straße ist mittlerweile wieder für den Verkehr freigegeben. Aus Sölden wurde ein kleinerer Erdrutsch gemeldet, die Bundesstraße war aber nicht betroffen.

Im Pitztal war in der Nacht die Pitztaler Ache kurzzeitig über die Ufer getreten. Seit den frühen Morgenstunden ist der Pegelstand laut dem Bezirkspolizeikommando Imst wieder zurückgegangen.

Auch im Zillertal trat aufgrund der heftigen Regenfälle der Zemmbach über die Ufer. Dabei wurden die parallel verlaufende Gemeindestraße und umliegende Felder überschwemmt.

Die Freiwillige Feuerwehr Mayrhofen errichtete an einigen Stellen Absperrungen, um größere Wasserschäden an Gebäuden zu verhindern. Ab 04:00 Uhr begann der Wasserstand wieder zu sinken. Personen kamen nicht zu Schaden.

Bei unseren Lesern bedanken wir uns herzlich für die Zusendung der zahlreichen Fotos! (TT.com, raut, deda)

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