Straucheln auf abschüssigem Gelände
In Stephan Thomes „Fliehkräfte“ erwacht ein deutscher Philosophie-Professor aus einem scheinbar wohlgeordneten Leben.
Von Ivona Jelcic
Innsbruck –Zwei Philosophie-Dozenten – einst Kollegen an der Bonner Universität –, einer hat den Job geschmissen und eine Bar an der französischen Atlantikküste eröffnet, den anderen zerren gerade „Fliehkräfte“ aus dem scheinbar wohlgeordneten Leben: Bei gutem Rotwein diskutiert man irgendwann im Roman auch die Sinnhaftigkeit der eigenen Profession – „Was soll das noch in unserer Zeit? Niemand interessiert sich dafür, auch wenn viele so tun.“
Dem „Gedanken denken, denen jede Anwendbarkeit abgeht“ wird dennoch großer Wert beigemessen, da lässt sich der deutsche Autor Stephan Thome, selbst promovierter Philosoph, nicht lumpen. Und trotzdem ist es gerade das angewandte Alltagsleben, das Thomes Protagonisten Hartmut Hainbach, den zweiten im Philosophen-Bunde, mehr fordert als je. Dabei ist er völlig unspektakulär aus der Spur geraten, so weit immerhin, dass ihn ein Tinnitus plagt und er einer Spendenkeilerin auf offener Straße ins Gesicht brüllt, wohin sie sich ihre gerechten Strukturen stecken kann.
Wie schon mit seinem Romandebüt „Grenzgang“ 2009 hat es Stephan Thome nun auch mit „Fliehkräfte“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Als unaufgeregter, stiller Erzähler sieht er seinen Helden beim Straucheln zu und erzeugt gerade im Unauffälligen eine eigene Spannung. Hartmut Hainbach, Mitte fünfzig, schaut altersmäßig auf das „freie, abschüssige Gelände vor den Fallgruben der ernsthaften Gebrechen“ hinaus. Aber sonst läuft es eigentlich ganz gut: Frau, Kind, Professur, Haus im Bonner Villenviertel. Sicher, da sind die täglichen Ärgernisse in dem vom Bologna-Prozess umgewälzten Hochschulwesen, eine flügge gewordene Tochter und eine abtrünnige Ehefrau, die lieber in der Berliner Theaterszene ihre versäumte Karriere nachholt, als über Heim und Herd zu wachen. Man sieht sich nur mehr an Wochenenden, die Szenen einer Ehe werden unschöner, und es ist wohl kein Zufall, dass Hartmut und Maria der Hang zu Ingmar-Bergman-Filmen verbindet.
Zwischen verletztem Ego und Verlustängsten fällt die Lebensbilanz des Professors nicht eben zufriedenstellend aus, spontan bricht er zu einer Reise auf, die ihn über Paris und den Pilgerort Santiago de Compostela nach Portugal, in die Heimat seiner Frau, führt. Die Fahrt bietet viel Raum für Lebensbetrachtungen, beinahe zu viel, wären sie nicht geschickt mit Rückblenden verwoben, in denen man Hartmut über vierzig Jahre hinweg begleitet – ins Milieu der deutschen Provinz der 1970er Jahre, in ein geteiltes und ein in Aufbruchstimmung befindliches Berlin oder in die USA der Nach-Nixon-Ära.
Das Gestern pflastert den Weg in die Gegenwart, vielleicht zur Erkenntnis. Ob es die gibt, lässt Thome offen. Denn auch scheinbare Lösungen können sich als Rohrkrepierer erweisen.
Stephan Thome, Fliehkräfte. Roman. Suhrkamp 2012, 474 Seiten, 22,95 Euro.