Die Helden der Mülltonne

Der Tiroler Tobias Judmaier und sein Freund David Gross kochen in ihrer Internet-Kochshow ihr eigenes Süppchen: Die Zutaten stammen aus dem Müll. Das eigentlich Ekelige sei nur der Wegwerf-Wahn, sagen sie.

Von Nicole Unger

Innsbruck, Salzburg –Als Vorspeise gibt es ein feines Spargelsüppchen, danach einen Linsen-Apfel-Salat mit Feta-Käse und zum Abschluss süße Apfelradeln. Das Besondere an diesem Menü? Die Zutaten dafür stammen aus der Mülltonne. Ein Grund, die Nase zu rümpfen, ist das trotzdem keiner. „Der eigentliche Mist ist das System der Verschwendung“, sagen der gebürtige Innsbrucker Tobias Judmaier und der Salzburger David Gross. Allein in Österreich landen 96.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr verpackt und unverpackt im Restmüll.

Diese Wegwerf-Mentalität stinkt dem Tiroler Koch und dem Regisseur zum Himmel, deshalb haben sie, wie sie selbst sagen, ihre „Gemüse-Gulasch-Kanonen ausgefahren“ und gemeinsam mit ihrem Freund, dem Fotografen Daniel Samer, im Frühjahr das Projekt „Wastecooking“ (Müllkochen) ins Leben gerufen. Eine Gruppe von Mülltauchern, Köchen und Filmemachern taucht dabei am Abend nach Ladenschluss in den Mülltonnen der Supermärkte nach weggeworfenen Lebensmitteln. Den „Abfall“ verwandelt der 37-jährige Judmaier am nächsten Tag in kreative Gerichte, um Gäste entweder an öffentlichen Plätzen – z. B. beim Frequency Festival in St. Pölten – oder an „geheimen“ Orten zu bekochen. Im Anschluss wird diskutiert, gefeiert, gegessen und die gefilmte Kochshow online auf www.wastecooking.com gestellt.

Wer sich die Episodenfilme im Netz ansieht, dem könnte durchaus das Essen im Hals stecken bleiben: Originalverpackte Salate, Frischkäse­, weißer Spargel, sackweise Kartoffeln oder Äpfel werden genauso aus dem Müll gefischt wie Premium-Milchprodukte, deren Haltbarkeitsdatum gerade einmal einen Tag überschritten wurde. „Einmal war sogar ein Fünf-Liter-Bierfass dabei“, erinnert sich Judmaier. Das Ergebnis einer Nacht- und-Nebel-Aktion aus drei Biotonnen: 47 Kilo Lebensmittel im Wert von 328 Euro, die sich eine Stunde vorher noch in den Regalen der Geschäfte befanden. Ein Wahnsinn.

Warum so viele Lebensmittel in den Tonnen landen, ist ein globales Systemproblem, an dem alle beteiligt sind, erklärt Judmaier. Es beginne damit, dass extrem viel an Obst oder Gemüse auf den Feldern liegen bleibt, weil es den ästhetischen Ansprüchen der Konsumenten nicht genügt. Tomaten müssen heutzutage rund, Karotten nicht verschrumpelt sein und Kartoffeln müssen die gleiche Größe besitzen, damit sie zeitgleich gar werden. Das zweite Problem ist ein logistisches. Viele Supermärkte haben keine adäquaten Lagermöglichkeiten. Gerade vor dem Wochenende werden deshalb oftmals Lebensmittel weggeworfen, deren Haltbarkeitsdatum noch nicht überschritten wurde, um Platz zu machen für neue Ware. Apropos Haltbarkeitsdatum: Produkte, die ein Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, sind nicht giftig. „Die Industrie hat dem Produkt einfach einen Lebenszyklus gegeben, hauptsächlich aus ästhetischen Gründen. Bei Fruchtjoghurts sinken Früchte z. B. nach ein paar Tagen ab, der Konsument will aber Früchte sehen“, erklärt Judmaier.

Und so würde sich schlussendlich jeder den schwarzen Peter zuschieben. Die Supermärkte sagen, der Konsument will um 18.45 Uhr noch frischen Salat oder frisches Brot haben und die Erdbeeren auch im Winter kaufen. Der Bauer sagt, die Industrie verlangt nach ästhetischen, symmetrischen Produkten. Und der Konsument? Der ist von dem ganzen Angebot der heutigen „Zuvielisation“, wie es Klaus Töpfer, Stv. Präsident der Welthungerhilfe nennt, heillos überfordert und kauft unüberlegt und viel zu viel.

„Wir verdienen mit dem Projekt nichts, wollen aber auf kreative Art Aufmerksamkeit schaffen und hauptsächlich junge Leute zum Nachdenken bewegen“, sagt Judmaier, der hauptberuflich einen Mietkochservice betreibt. Bis jetzt waren die Mülltonnenpiraten in Salzburg und Niederösterreich unterwegs, demnächst ist auch in Wien eine Aktion geplant. Angezeigt seien sie noch nie geworden, erzählt der Innsbrucker, der jetzt in Wien lebt. „In Österreich ist Müll herrenloses Gut. Den Gesetzesbruch, den wir begehen, ist jener der Besitzstörung, da Supermarktareale nachts zugesperrt sind“, erklärt Judmaier. Aber die Gefahr nehmen die Helden der Mülltonne in Kauf. „Die Sache ist uns einfach zu wichtig.“


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