Auch in Tirol: Die Honigbiene in der Krise

Noch nie starben so viele Bienen in Tirol wie im vergangenen Jahr. Ein Parasit, die Pestizide und der Mensch treiben den – folgenschweren – Völkerkollaps voran.

Von Matthias Christler

Innsbruck –Sie hat ihre Arbeit erledigt, flog Hunderte Kilometer weit, von Blüte zu Blüte, mit der Aufgabe, so viel wie möglich zu bestäuben. Das Land blühte und konnte gedeihen. Die Biene stirbt. Viele der Völker werden den kommenden Winter nicht überleben, weil sie zu schwach sind.

Der Mensch verbindet das fleißige Bienchen mit der Produktion von Honig, doch sie schafft viel mehr in der Natur. Ohne sie wäre es weniger bunt. Ohne sie würde es tatsächlich weniger zu essen geben. Seit Jahren schwebt der Begriff des „Massensterbens“ durch zoologische Fachkreise, doch die Öffentlichkeit hat es nicht wahrgenommen. Als 2007 in den USA ein Viertel aller Bienen verendete, wurde das als lokales Phänomen abgetan. Das hat sich geändert.

Österreichweit haben 26 Prozent der Bienenvölker den vergangenen Winter nicht überlebt. In der Inntalfurche gab es Verluste von zum Teil 50 Prozent. Andreas Hölzl vom Tiroler Landesverband für Bienenzucht hofft auf einen einmaligen Ausreißer: „So etwas gab es bislang noch nie, aber ich bin optimistisch, dass es sich wieder auf 20 Prozent einpendelt“, sagt der Imker aus Fritzens und Referent für Zucht im Landesverband. Vor einigen Jahren waren es noch zehn Prozent. Der Winter dürfte aber wieder hart werden.

Die offensichtlichste Bedrohung dabei ist die Varroa-Milbe. Der Parasit beißt sich wie ein Blutegel am Körper der Honigbiene fest, schnell ist das ganze Volk befallen und kann sich nicht mehr gegen den Angriff stärkerer Bienen wehren. Der Parasit überträgt sich auf das stärkere Volk und schwächt auch dieses. 1986 trat die Varroa-Milbe zum ersten Mal in Tirol auf. Wissenschaftliche Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass die Milbe allerdings nur wegen zusätzlicher Faktoren so schädlich sein kann.

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Der Mensch hat die Biene gezüchtet, der Mensch rottet sie auch wieder aus. Pflanzenschutzmittel setzen den Insekten zusätzlich zu. Zum Schutz des Maises wird seit Jahren ein Beizmittel eingesetzt, das die Tiere lähmen und zu Orientierungsstörungen führen kann. „Wir Imker mit unseren klein­strukturierten Betrieben haben da wenig Einfluss auf die Landwirtschaft“, sagt Hölzl. Zumindest das Problem der Monokulturen, die ebenfalls für das Aussterben mitverantwortlich gemacht werden, gebe es in Tirol nicht. Hölzl glaubt nicht, dass es jemals so weit kommt wie zum Beispiel in China. In einigen Regionen gibt es keine Bienen mehr. Der natürliche Kreislauf wird trotzdem aufrechterhalten, indem Menschen die Bestäubung per Hand erledigen.

Wie sehr die Natur zusammenarbeitet, einzelne Organismen aufeinander angewiesen sind, zeigt der heurige Tiroler Sommer – anhand des Honigertrages. Die Imker hatten einen 30 bis 35 Prozent geringeren Ertrag als in den Jahren zuvor. Weil der Waldhonig komplett ausfiel, gab es im Durchschnitt nur 10 Kilogramm pro Volk. Der Hauptgrund war aber nicht die Bienenanzahl, sondern weil es kaum Läuse auf Nadelbäumen gab.

Die Läuse sorgen dafür, dass der Honigtau aus den Bäumen ausgeschieden wird. Die Bienen wiederum melken die Läuse richtiggehend. In diesem Jahr blieb die Ernte völlig aus. Das könnte ein bitterer Vorgeschmack gewesen sein, auf das, was kommt, wenn die Natur zu sehr aus dem Gleichgewicht gerät. „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr“, lautet ein Zitat, das bislang fälschlicherweise Albert Einstein zugeschrieben wurde. Eindringlich ist es dennoch.

Tirols Imker versuchen, der Milbe mit organischen Säuren beizukommen. Hölzl ist optimistisch, dass es kein völliges Aussterben gibt. Hoffnung gibt ihm ein anderer Trend: Das Imker-Sterben in Tirol ist gestoppt worden, erstmals seit Jahren erleben die Imker wieder einen Zuwachs.


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