Bilanz des Schreckens nach „Sandy“: Obama in Katastrophenregion

Es wird Wochen dauern, bis in den von „Sandy“ zerstörten Regionen wieder Alltag herrscht. Auch wenn die New Yorker sich alle Mühe geben. Der US-Wahlkampf geht nach kurzer Unterbrechung weiter.

Washington, New York - Nach dem Durchzug von Jahrhundertsturm „Sandy“ kommt der Endspurt des US-Präsidentschaftswahlkampfs wieder in volle Fahrt. US-Präsident Barack Obama hat sich einen ersten persönlichen Eindruck von den Sturmschäden im Bundesstaat New Jersey verschafft. Er landete am Mittwochnachmittag (Ortszeit) mit dem Präsidentenflugzeug „Air Force One“ in der Casino-Stadt Atlantic City, das besonders schwer von der Unwetterkatastrophe getroffen worden war.

Gemeinsam mit dem republikanischen Gouverneur des Staates, Chris Christie, der ihn per Handschlag begrüßte, wollte er die Überschwemmungsgebiete begutachten. Beide Politiker betrachteten die Lage zunächst in einem Hubschrauber aus der Luft.

Obama hat den Opfern des Hurrikans „Sandy“ am Mittwoch langfristige und unbürokratische Hilfe der Bundesebene zugesagt. „Wir werden langfristig zur Verfügung stehen“, versprach er bei einem Besuch im von dem verheerenden Unwetter besonders betroffenen Bundesstaat New Jersey an der US-Ostküste. Zudem werde er „keinerlei Bürokratie“ dulden. „Wir werden für schnellstmögliche Hilfe sorgen“, sagte Obama.

„Meine zentrale Botschaft ist, dass das ganze Land gesehen hat, was geschehen ist“, sagte der Präsident. New Jersey sei „schwer getroffen“ worden. Das Wichtigste sei nun, möglichst rasch zum Alltag zurückzukehren.

„Dies ist keine Zeit für Politik“

Das Weiße Haus wies unterdessen zurück, dass es sich bei dem Besuch in dem Katastrophengebiet um einen Wahlkampfauftritt handeln könnte. „Es ist völlig angemessen, dass der Präsident New Jersey besucht“, zitiert ein mitreisender Reporter Obamas Sprecher Jay Carney. „Dies ist keine Zeit für Politik“. Auch der Wahlkampfberater des Präsidenten betonte, dass der Präsident lediglich seiner Verantwortung nachgehe. „Es handelt sich um eine Katastrophe gewaltigen Ausmaßes.“

Obamas Aufenthalt in New Jersey sollte laut dem Terminplan des Weißen Hauses knapp drei Stunden dauern. Ein Besuch in der Stadt New York war hingegen nicht geplant, weil ein Präsidentenbesuch dort die Aufräumarbeiten stören könnte, wie Carney sagte. Von Donnerstag wird der Präsident wieder Wahlkampfkundgebungen geben.

Bereits an diesem Mittwoch will auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Romney den kurzen, vom Sturm bedingten „Waffenstillstand“ beenden und in Florida Wahlkampfveranstaltungen abhalten. Florida gilt als einer der wichtigsten sogenannten Swing-States, in denen das Ergebnis noch offen ist. Gewählt wird am 6. November. Ob die Sturmkatastrophe tatsächlich Einfluss auf das Wahlergebnis haben wird, darüber herrscht unter US-Politikexperten Uneinigkeit.

Aufräumarbeiten auf Hochtouren

Im Katastrophengebiet an der US-Ostküste und in New York laufen die Aufräumarbeiten auf Hochtouren. Die Schäden gehen in die Milliarden, Dutzende Menschen starben. Es wird wohl noch Wochen dauern, bis alle Stromleitungen wieder funktionieren.

Die Zahl der Toten stieg nach Medienberichten weiter. Allein in der Stadt New York seien inzwischen 22 Opfer registriert, berichtete die „New York Times“ am Mittwoch. Insgesamt gebe es in den Sturmregionen bis zu 50 Tote, heißt es in anderen Quellen. Der TV-Sender CNN sprach von mindestens 40 Toten an der Ostküste.

„Das war ein zerstörerischer Sturm. Vielleicht der schlimmste, den wir je hatten“, sagte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, nachdem das Unwetter weitergezogen war. „Das Gesicht unserer Stadt ist verändert.“ Gouverneur Andre Cuomo sagte, er habe in Manhattan „einige der schlimmsten Zustände jemals“ gesehen.

Die Sachschäden dürften nach Schätzungen von Wirtschaftsfachleuten bis zu 20 Milliarden Dollar (15,5 Milliarden Euro) betragen, hinzu kommt der tagelange Stillstand in vielen Firmen. Trotzdem gehen Ökonomen nur von einer geringen Belastung für die Gesamtwirtschaft aus.

Langsame Rückkehr in den Alltag

Die New Yorker bemühten sich am Mittwoch um eine Rückkehr zum Alltag. In höher gelegenen Stadtteilen der Millionen-Metropole kehrte fast wieder Normalität ein. Busse fuhren, Geschäfte öffneten. Nach zwei Tagen Unterbrechung handelte auch die Börse an der Wall Street wieder, Bürgermeister Michael Bloomberg läutete symbolträchtig die Eröffnungsglocke.

Der John-F.-Kennedy-Flughafen nahm am Mittwoch wieder den Betrieb auf, allerdings wurden zunächst nur wenige Flüge abgewickelt. Auch am Airport in Newark starteten und landeten Maschinen, La Guardia blieb dagegen noch geschlossen. Das Flugportal FlightAware registrierte seit Sonntag gut 19.500 Flugausfälle, 2800 davon allein an diesem Mittwoch.

Nach dem Durchzug von „Sandy“ war der öffentliche Verkehr New Yorks zusammengebrochen, U-Bahnschächte und Tunnel liefen voll Salz- und Brackwasser. Das „Wall Street Journal“ berichtete von Plünderungen in einigen Stadtteilen. 80 Häuser waren in der Metropole abgebrannt.

Sieben Millionen ohne Strom

Bei einem Treffen mit Chefs von Energiefirmen habe Obama betont, dass die Wiederherstellung der Stromversorgung oberste Priorität habe, teilte das Weiße Haus am Dienstagabend (Ortszeit) mit. Nach CNN-Angaben waren gut 24 Stunden nach dem Durchzug von „Sandy“ an der Ostküste weiter sieben Millionen Menschen ohne Strom. Am Montagabend (Ortszeit) war „Sandy“ in New Jersey auf die Küste der USA getroffen.

In New York verbrachten Hunderttausende die zweite Nacht ohne Elektrizität. Viele waren auch ohne Wasser, Internet und Telefon. Mehrere tausend Menschen mussten weiter in den 76 Notunterkünften der Stadt schlafen. „Wir arbeiten zur Zeit 15 Stunden am Tag und das jeden Tag“, sagte ein Polizist aus dem Stadtteil Brooklyn. Die Fähren von Manhattan nach New Jersey waren wieder unterwegs. In Manhattan wurden die Stadtautobahnen freigegeben. Schulen und Behörden blieben geschlossen.

Halloween-Parade abgesagt, Marathon findet statt

Die große Halloween-Parade, zu der am Mittwochabend im Viertel Greenwich Village 40.000 Menschen erwartet worden waren, wurde zum ersten Mal in ihrer fast 40-jährigen Geschichte gestrichen. Auch Obama sagte das Halloween-Fest für Kinder im Weißen Haus ab.

Die Veranstalter des New-York-Marathons gaben sich dagegen zuversichtlich, den Lauf - einen der berühmtesten Laufwettkämpfe der Welt - wie geplant am Sonntag starten zu können. Erwartet werden 47 000 Sportler aus aller Welt.

Nach Berechnungen der Meteorologen sollte der Wirbelsturm auch Kanada erneut bedrohen. Allerdings lasse die Stärke deutlich nach.


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