Pettneu bringt Licht ins Dunkel der Schwabenkinderzeit

Kulturinitiative folgt den kleinen Fußstapfen in Richtung Ravensburg. Aufgezeigt werden soll das Kinderelend von damals und heute.

Von Helmut Wenzel

Pettneu am Arlberg –„Wenn wir uns mit der Schwabenkinderzeit befassen, tun wir gut daran, das Kinderelend der Gegenwart einzubeziehen.“ Dieses Plädoyer von Oswald Perktold steht über den vielfältigen Aktivitäten im Arlbergdorf, wo die dunklen Jahrhunderte belichtet werden, in denen Kinder ins Schwabenland geschickt und ausgebeutet worden sind. Perktold, Initiator des Vereins „Kunstraum Pettneu“, hat zuletzt einen brisanten Aufsatz verfasst – Titel: „Gehst außi, bist hin“. Schicksale von jungen heimischen Wandersklaven werden aufgezeigt.

Franz Kurz aus Pettneu war zwölf Jahre alt, als er 1858 ins Schwabenland kam. Später schrieb er über die Kinder, die im Alter von 10 bis 16 Jahren ihre Heimat in den Tälern in der Arlbergregion verlassen: „Sie ziehen, nicht selten sogar guten Humors, geführt von einzelnen Erwachsenen, hinaus nach den schwäbischen Ufern des Bodensees, in das Allgäu oder direct Ravensburg zu, wo sie am großen Markte um Josefi von den anwesenden Bauern gegen eine Entlohnung von 4 bis 20 Gulden und diversen Kleidungsstücken als Hirten, Fahrburschen etc. in Dienst genommen werden. Oft gibt es auch Thränen.“ Auch vom Schwabenkind Hans Perktold aus Pettneu gibt es schriftliche Aufzeichnungen: „Ich bin immer barfuß gegangen und habe wunde Füße davon bekommen. Eine Frau hat sie mir verbunden und gesagt, ich soll an jedem Brunnen, an dem ich vorbeikomme, Wasser trinken. Das habe ich befolgt, und die Füße sind bald besser geworden.“

Häufig erzählt wird laut Oswald Perktold die historisch allerdings nicht belegte Geschichte vom kleinen Auswanderer Caßl, der glaubte, er höre im Gepolter der Dorfmühle im Stanzertal einen Warnruf: „Caßl, kehr um! Caßl, kehr um!“ Caßl wurde sehr nachdenklich, bestieg aber dennoch den Arlberg. Im Klostertal hörte er wieder ein ominöses Gepolter – diesmal mit dem Schreckensruf: „Gehst außi, bist hin“ (tot, Anm.). Caßl kehrte eiligst um zur Mutter.

In Pettneu gab es sogar einen „Hütkinderverein“, 1892 gegründet vom Ötztaler Hilfspriester Venerand Schöpf. Der Verein sorgte für die Kinder und leitete deren „Verdingung am Kindermarkt“ in Ravensburg. Der Flirscher Chronist Rudolf Kathrein bemerkte: „Der Verein hat gewiss gut und segensreich gewirkt, während sich die öffentlichen Stellen fast durchwegs beschämend und unsozial in Schweigen hüllten.“

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