Lage eskaliert

Angst vor neuem Krieg in Nahost

Gut zwei Monate vor den Wahlen in Israel eskaliert der Kleinkrieg zwischen Israel und der Hamas. Es gibt Tote auf beiden Seiten und der Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten wackelt.

Von Floo Weißmann

Tel Aviv, Gaza –Zwischen Israel und der islamistischen Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, eskaliert die Gewalt. In den vergangenen Tagen haben palästinensische Extremisten Hunderte Raketen auf Israel abgefeuert. Eine davon traf ein Wohnhaus in Kiriat Malachi und tötete drei Zivilisten. Sie sind die ersten Todesopfer auf israelischer Seite seit einem Jahr. Erstmals schlug eine palästinensische Rakete auch gefährlich nahe der Großstadt Tel Aviv ein. Israel seinerseits intensivierte die Luftschläge und attackierte Hunderte Ziele im Gazastreifen. Dabei starben bis Donnerstagnachmittag mindestens 15 Menschen, darunter mehrere Zivilisten.

Der Konflikt spielt sich in einem Raum ab, der halb so groß ist wie Tirol. Seit Langem kommt es dort regelmäßig zu Raketeneinschlägen und Vergeltung, immer wieder müssen die Bewohner der Region in Keller und Bunker. Seit Samstag aber hat die Intensität deutlich zugenommen. Auslöser war zunächst ein Raketentreffer der Palästinenser auf einen israelischen Jeep. Dabei wurden vier Soldaten verletzt. Am Mittwoch exekutierte Israel den Militärchef der Hamas.

Jetzt geht die Angst vor einem neuen Krieg um. Israel brachte Bodentruppen in Stellung und Premier Benjamin Netanjahu, der sich im Jänner der Wiederwahl stellt, drohte mit der Ausweitung der Militäroperation. Ein Ziel der Offensive ist die Einschüchterung der Hamas-Führung. Das israelische Militär twitterte: „Wir empfehlen Hamas-Führern, ihre Gesichter in den kommenden Tagen nicht über der Erde zu zeigen.“ Auf der Gegenseite kündigte der Hamas-Führer Khaled Mashaal an: „Wir werden den Widerstand fortsetzen.“

Zuletzt hatte Israel Ende 2008 eine Gaza-Offensive gestartet. Damals starben etwa 1400 Palästinenser und 13 Israelis. Die Hamas blieb jedoch an der Macht und soll heute militärisch stärker sein als damals. Die neuerliche Eskalation löste international Angst vor einer Wiederholung aus. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte die Gewalt und der Weltsicherheitsrat warnte vor „möglicherweise katastrophalen Folgen“.

Die USA betonten Israels Recht auf Selbstverteidigung, riefen aber zum Schutz von Zivilisten auf. Der neue ägyptische Präsident Mohammed Mursi, dessen Muslimbrüder mit der Hamas ideologisch verwandt sind, erklärte hingegen. „Wir stehen an der Seite der Palästinenser, um die israelische Aggression in Gaza zu stoppen“, erklärte Mursi. Israels Vorgehen führe zu Instabilität in der Region. Aus den Reihen der Muslimbrüder werden immer wieder Stimmen laut, die den Friedensvertrag mit Israel aufkündigen wollen.

Auch aus Israel selbst kam Kritik an der neuerlichen Offensive. Die linksliberale Zeitung Haaretz verurteilte die Tötung des Hamas-Militärchefs als strategischen Fehler. Nach solchen gezielten Tötungen seien zumeist noch radikalere Führer nachgerückt.

Die Friedensorganisation „Gush Shalom“ kritisierte, zum zweiten Mal hintereinander würden Wahlen in Israel im Schatten eines Gaza-Krieges stattfinden. „Um den Preis großen Leides auf beiden Seiten der Grenze hat die Regierung ihr Ziel erreicht: Soziale Fragen, die drohten, in dieser Wahl Bedeutung zu erlangen, sind aus dem Wahlkampf entfernt worden“, hieß es.

Auf palästinensischer Seite wurde zunächst keine Kritik an der Hamas öffentlich.

TT-Online berichtete am Donnerstag in Live-Updates von der Krise. Im folgenden die Ticker-Nachlese.