„Was mich erdet, sind die familiären Schicksalsschläge“

Binnen kurzer Zeit stieg Marcel Hirscher vom Ausnahmetalent zum Volkshelden auf. Hinter dem alpinen Rockstar auf zwei Brettln verbirgt sich ein tiefgründiger Mensch, für den Demut keine Worthülse ist. Ein Gespräch über den rasanten Lauf der Zeit.

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Vertrauensmenschen – Servicemann Edi Unterberger, (Trainer-)Vater Ferdinand und Freundin Laura Moisl.Fotos: Atomic Austria GmbH/Jürgen Skarwan; gepa/Simonlehner, Pranter
© thomas boehm

Kahnbeinbruch, WM-Verzicht, Comebacksaison, Einfädelaffäre, Gesamtweltcupsieg, Autounfall – würde man die vergangenen eineinhalb Jahre verfilmen, das Drehbuch würde wohl fernab jeglicher Realität abgekanzelt werden?

Marcel Hirscher (lacht): Ganz sicher sogar. Mein Leben ist derart schräg, dass ich es teilweise selbst nicht verstehe. Das Skifahren ist für mich noch das Leichteste, das kann ich nachvollziehen, vieles andere nicht.

Nachdem Sie im März in Schladming den Gesamtweltcup eingefahren hatten, äußerten Sie den sehnlichsten Wunsch, dies alles möglichst schnell zu realisieren, um es auch genießen zu können.

Hirscher: Ich weiß, doch irgendwie checke ich es bis heute nicht ganz, obwohl es langsam besser wird. Wenn es bei irgendeinem Termin heißt, da kommt der beste Skifahrer der Welt, dann ist das inzwischen einfach superschön und saugeil. Mittlerweile kann ich mich damit gut anfreunden und betrachte es als extreme Wertschätzung meiner Person.

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Haben Sie sich zuletzt wieder einmal die Bilder von Schladming angesehen?

Hirscher: Nicht nur einmal. Auch wenn es vielleicht einen selbstverliebten Eindruck hinterlässt, ich kann mir das Ganze nicht oft genug anschauen. Und ich bekomme jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut.

Hat der Rückblick in die glorreiche Vergangenheit auch psychologische Hintergründe?

Hirscher: Ein Psychologe würde darauf wohl mit Ja antworten. Ich mache es jedenfalls nicht bewusst. Manchmal sitze ich halt vor dem Laptop und dann überkommt es mich, weil es einfach geil ist. Und mir taugt‘s, dass ich dabei so eine Freude habe. Immer wieder.

Sie meinten einmal, alles, was Sie an Psychologie brauchen, sei Ihr Hund Timon?

Hirscher: In erster Linie sind es die familiären Schicksalsschläge, die mich erden. Aber, wenn ich einmal zu Hause gemütlich auf der Couch liege und der Timon kommt dazu, dann fühle ich mich geborgen. Dazu muss man wissen, dass Timon aus einem slowakischen Tötungslager stammt. Da merkst du, wenn es einem Lebewesen richtig schlecht ergangen ist, dann gibt er unendlich viel zurück, wenn es ihm besser geht.

Wenn Sie die familiären Schicksalsschläge ansprechen, meinen Sie damit Ihren Onkel, der nach einem Arbeitsunfall seit zehn Jahren im Wachkoma liegt?

Hirscher: Nicht nur. Meine Oma hatte einen Schlaganfall, war lange Zeit ein Pflegefall und ist nun leider verstorben. Ein anderer Onkel ist ziemlich jung an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Das sind Geschichten, die dich ziemlich herreißen. Ich mache mir sehr oft darüber Gedanken.

Wohl mit der Erkenntnis, noch bewusster im Hier und Jetzt zu leben?

Hirscher: Auch. Und natürlich ordnest du gewisse Werte neu. Natürlich ist die Gefahr nicht unbegründet, dass ein 23-jähriger Bursch Gefahr läuft, den Boden unter den Haxen zu verlieren, wenn ein derartiger Hype um seine Person herrscht und er eine immense Wertschätzung genießen darf. Dann passieren wieder solche Geschichten wie mit Björn (ÖSV-Teamkollege Björn Sieber verunglückte Ende Oktober bei einem Autounfall tödlich, Anm.) und da fragst du dich dann unweigerlich: Was sind schon Erfolge? Was sind Hundertstelsekunden? Was ist generell das depperte Skifahren im Vergleich zur Gesundheit?

Sie sprechen sehr offen über Ihr Innenleben, das ist man von den meisten ÖSV-Athleten nicht unbedingt gewöhnt?

Hirscher: Es gäbe sehr viele gute Typen in unserem Team, aber manche wollen halt wenig von sich preisgeben. Das muss jeder für sich entscheiden. Mir ist wichtig, dass die Leute kein verzerrtes Bild von mir bekommen, sondern mich möglichst authentisch wahrnehmen. Mache ich aus gewissen Sachen ein Geheimnis, dann würde erst recht darüber spekuliert werden.

Ihre Offenheit steht ein wenig im Gegensatz zu Ihrer Kindheit, welche Sie vornehmlich auf einer von Ihren Eltern bewirtschafteten Almhütte in Salzburg verbracht haben?

Hirscher: Nicht unbedingt: Es stimmt, dass ich wie der Ziegenpeter groß geworden bin. Holzofen, Dusche aus der Gießkanne, anfänglich hatten wir nicht einmal warmes Wasser. Aber jeder neue Gast war für mich auch ein neuer Gesprächspartner. Jedes Kind ein Spielkamerad. Ich war sehr viel im Freien, war es auch gewohnt, alleine zu sein und habe mit der Zeit gelernt, großes Vertrauen in mich selbst zu haben. Das checkst du natürlich erst viel, viel später.

Auf Ihrer Homepage widmen Sie in der Rubrik „über Marcel“ Ihrem Bruder Leon einen eigenen Eintrag. Welche Rolle spielt er, außer dass er Ihnen schon jetzt zum Verwechseln ähnlich sieht?

Hirscher (lacht): Ich hatte lange Zeit fast ein schlechtes Gewissen, weil es in der Familie so oft um mich gegangen ist. Deshalb bin ich doppelt stolz, dass Leon mit seinen 16 Jahren schon brutal weit ist. Ich vergönne es ihm auch von Herzen, dass mein kleiner Bruder jetzt schon größer ist als ich.

Wollte Leon auch einmal in Ihren Fußstapfen wandeln?

Hirscher: Er hatte einmal eine schwere Hüftkrankheit, seither hat sich die Frage nach Spitzensport nicht mehr gestellt. Aber Leon sportelt gerne, aber wenn es richtig ums Trainieren geht, dann hört für ihn der Spaß auf. Gemeinsam teilen wir die Leidenschaft fürs Motocrossen.

Gemeinsam mit Ihrem (Trainer-)Vater und Servicemann Edi Unterberger tüfteln Sie unermüdlich an Materialmodifikationen. Wie überhaupt Sie in Ihrem Tun äußerst zielgerichtet sind. Gibt es auch die Sehnsucht, etwas komplett Sinnloses zu machen, wie beispielsweise eine Reality-TV-Serie zu schauen?

Hirscher: Auf jeden Fall. Wenn ich Zeit habe und alles erledigt ist, kann ich mit Freunden stundenlang mit der Spielkonsole abhängen. Da werde ich mich geistig nicht extrem weiterentwickeln, aber es ist eine Gaudi – und damit auch sehr wichtig.


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