Realität übertrifft düstere Prognosen – die Klimakatastrophe rückt näher
Statt endlich zu sinken, steigen die CO2-Emissionen auf immer neue Rekordwerte. Trotz Kyoto-Protokoll, trotz Emissionshandel. Bei der UN-Klimakonferenz in Katar wird es darum gehen, wie eine Umkehr zu schaffen ist - denn die Realität übertrifft viele düstere Prognosen.
Berlin – Vor Jahren rüttelten die finsteren Prognosen des Weltklimaberichtes die Weltöffentlichkeit wach. Wochen- und Monatelang dominierte das Thema Klimawandel die politischen Debatten. Und manchmal wirkte es fast so, als ob der Ernst der Lage erkannt und die Welt gemeinsam an einer Trendumkehr arbeiten würde.
In der kommenden Woche ist das Abwehren der Klimakatastrophe wieder Thema auf höchster diplomatischer Ebene. 193 Staaten diskutieren in Doha auf der UN-Klimakonferenz, ringen um Fortschritte. Und müssen sich mit einer unbequemen Wahrheit auseinandersetzen:
Seit Jahren passiert im größten Vermittlungsausschuss der Welt viel zu wenig. Die Prognosen vor dem am Montag im Öl- und Gas-Staat Katar beginnenden Treffen sind ernüchternd – für manche Regionen, Länder und Völker sogar katastrophal: Statt auf zwei Grad Erderwärmung steuert die Welt derzeit auf verheerende vier Grad zu.
2010 war im mexikanischen Cancún auf Basis von Wissenschaftler-Empfehlungen diese rote Linie für den Klimaschutz beschlossen worden. Alle Staaten sollten dafür sorgen, dass diese maximal erträgliche Erwärmung nicht überschritten würde. Die rote Linie – sie wird laut dem jüngsten Bericht der Weltbank „Turn Down The Heat“ – wohl unweigerlich überschritten werden.
Die Fakten: Hurrikan Sandy verwüstet New York. Das Grönland-Eis schmilzt im Rekordtempo. Und eine zum Teil eisfreie Nordostpassage kann den Schiffsverkehr revolutionieren, zeigt aber die Dimension der Erderwärmung. Immer wieder gibt es ob der Nachrichten ein kurzes Aufflackern der Klimadebatte, ebenso wenn der UN-Klimagipfel tagt.
Was kann in Doha erreicht werden? Das Kyoto-Protokoll, das einzige Klimaschutzabkommen mit verbindlichen Verpflichtungen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen, läuft Ende des Jahres aus. In Doha soll eine zweite Verpflichtungsperiode ab 2013 festgezurrt werden, besonders die EU soll damit quasi weiter in Vorleistung treten – erst ab dem Jahr 2020 soll es einen Weltklimavertrag für alle geben.
Problem I: Da Kanada lieber klimaschädliche Ölsande ausbeuten will und auch Japan und Russland wohl nicht mehr mitmachen, ist ein Kyoto II eher ein zahnloser Tiger. Neben der EU wollen noch folgende Länder mitmachen: Australien, Schweiz, Lichtenstein, Monaco, Island, Norwegen, Kroatien, Kasachstan, Ukraine und Weißrussland. Damit werden nur noch 15 Prozent der weltweiten Emissionen erfasst.
Problem II: Unter dem ersten Kyoto-Protokoll haben sich die mitmachenden Industriestaaten zu CO2-Reduktionen verpflichtet und ein entsprechendes Kontingent an Ausstoß-Erlaubnissen erhalten. Osteuropäische Länder - allen voran Russland - haben diese aber wegen des Wirtschaftseinbruchs nicht ausgeschöpft. Ihre überschüssige „heiße Luft“ wollen sie behalten und künftig als CO2-Gutschriften an Kyoto-Länder verkaufen. De facto würde das die Wirkung des Protokolls massiv schwächen. Bundesregierung und EU-Kommission sind dagegen.
Problem III: 2011 war bei der Klimakonferenz in Durban (Südafrika) beschlossen worden, dass es ab 2020 erstmals einen Weltklimavertrag geben soll, der alle 193 UN-Staaten zu verbindlichen Minderungen verpflichtet. Doch genauso wie beim Grünen Klimafonds, der ab 2020 vom Klimawandel besonders betroffenen Staaten 100 Milliarden Dollar pro Jahr zur Verfügung stellen soll, ist das Ganze bisher sehr vage.
Was passiert, wenn sich Entwicklungs- und Industrieländer nicht einigen können, wer welche Lasten bei der Emissionsminderung zu tragen hat? Was bieten Länder wie China und die USA, die rund jede zweite Tonne CO2 ausstoßen, bis 2020 an eigenen Klimaschutzzusagen? An den ganzen Details soll in Doha gefeilt werden, Ausgang offen.
Krise bremst EU-Klimaschutz-Ambitionen
Denn selbst in der EU stockt derzeit der Klimaschutz. Weil zu viele CO2-Verschmutzungsrechte gratis verteilt worden sind, liegt der Emissionshandel am Boden. Die EU-Kommission will daher 900 Millionen Zertifikate kurzfristig vom Markt nehmen und somit den Preisverfall stoppen. Die derzeitige Lage macht besonders den klimaschädlichen Kohlestrom wieder lukrativ, in Deutschland profitiert davon RWE.
Der deutsche Umweltminister Altmaier würde gerne erreichen, dass die EU bis 2020 rund 30 Prozent weniger Emissionen ausstößt als noch 1990, doch besonders Polen blockiert. Und Ländern wie Griechenland fehlt derzeit das Geld, um alte Dieselgeneratoren durch Sonnenkollektoren zu ersetzen. Folge: Die EU verharrt am Minimalkonsens und wird sich in Katar wohl weiter nur zu einer Reduktion von 20 Prozent bis 2020 bekennen. Schon heute haben die EU-Länder aber einen Rückgang von 18 Prozent erreicht.
Für Doha hofft die EU auf Bewegung besonders bei den USA nach der Wiederwahl von Präsident Barack Obama, schließlich hat er in der Siegesrede die Klimaschutzverantwortung für kommende Generationen betont. Doch zugleich setzen die USA durch die Ausbeutung von Gas aus tiefen Gesteinsschichten auf eine fossile Energiewende - das Land steigt zur Öl- und Gasmacht Nummer 1 auf. Und China? Von der neuen Führung in Peking wird keine ambitioniertere Klimapolitik erwartet - damit dürfte sicher sein: Eine Trendumkehr bleibt Wunschdenken. Und die Klimakatastrophe rückt unweigerlich näher. Klimawandel-Skeptiker können wohl auch in den kommenden Jahren auf „Erfolge“ verweisen, die keine sind. Den Erfolg, dass die Welt angesichts ihrer größten Herausforderung untätig bleibt.
„Eine 4-Grad-Erwärmung auf der Erde muss und kann vermieden werden. Wir müssen die Erwärmung unter zwei Grad halten“, sagt Jim Yong Kim, Präsident der Weltbank-Gruppe. Der Bericht der Weltbank warnt: Das Szenario einer 4-Grad-Erwärmung habe potenziell zerstörerische Konsequenzen, etwa die Entvölkerung von küstennahen Städten, die Gefährdung der Nahrungsproduktion und damit verbundene Unterernährungs-Risiken, trockene Regionen würden noch trockener, nasse Regionen noch nasser, Hitzewellen in bisher unbekanntem Ausmaß drohten in vielen Regionen, Wasserknappheit breite sich aus, die Stärke von tropischen Wettersystemen werde heftiger und das Artensterben würde irreversible Ausmaße annehmen - inklusive des Sterbens der Korallenriffe. (TT, dpa)
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