Hitzerekorde, Dauerregen: Europa bekommt Klimawandel zu spüren
In den Entwicklungsländern richten Wetterextreme den höchsten Schaden an, zeigt der Globale Klima-Risiko-Index. Doch auch in Europa häufen sich extreme Wetterereignisse, die allein in den vergangenen Jahren bereits Tausenden das Leben gekostet haben.
Doha – 15.000 extreme Wetterereignisse, 530.000 Tote, Schäden in Billionen-Höhe: Der Globale Klima-Risko-Index (KRI) zeigt, wie stark Länder von Überschwemmungen, Stürmen oder Hitzewellen betroffen sind. Bereits zum achten Mal veröffentlicht Germanwatch die Analyse wetterbedingter Naturkatastrophen über eine Zeitspanne von 20 Jahren.
Honduras, Myanmar und Nicaragua waren zwischen 1992 und 2011 am meisten von Wetterextremen getroffen. In der Liste folgen Bangladesch, Haiti und Vietnam. Korea, Pakistan, Thailand und die Dominikanische Republik gehören ebenfalls zu den am schwersten getroffenen Ländern. Unter diesen zehn befindet sich kein Industrie- oder Annex-I-Land. Die ärmsten Entwicklungsländer sind demnach besonders verwundbar gegenüber klimatischen Risiken, wobei in den reicheren Ländern die rein finanziellen Schäden wesentlich höher sind.
Jahr der Wetterextreme
2011 häuften sich außergewöhnlich viele schwere Naturkatastrophen, was es zu einem der verlustreichsten Jahre bisher macht. Die zerstörerischen Fluten in Thailand töteten allein 892 Menschen, mehr als 13 Millionen Menschen waren von den Auswirkungen betroffen. Damit führt das Land die Liste des vergangenen Jahres an. Auch die Nachbarstaaten traf die heftiger Monsunregen schwer. In Kambodscha starben mehr als 250 Menschen bei Überschwemmungen, ein Großteil der Reisernte wurde praktisch vernichtet, Tausende verloren ihre Häuser. Ähnliches gilt für Laos (10. Platz), wo 21 Prozent der Reispflanzen von Überschwemmungen in weiten Teilen des Landes zerstört wurden.
Ein ähnliches Bild zeigte sich in Pakistan: Bereits 2010 wurde das Land von den schwersten Überschwemmungen seiner Geschichte getroffen. Und auch das Jahr darauf wurde es nicht verschont, 585 Menschen kamen während der Regenzeit ums Leben.
USA einziger Industriestaat im Ranking
In El Salvador und auf den Philippinen wüteten Hurrikans und Taifune, Tausende starben in den beiden Ländern. Brasilien erlebte im vergangenen Jahr die schlimmsten Überschwemmungen und Erdrutsche seiner Geschichte. Mehr als 1000 Menschen wurden in den Tod gerissen, es entstanden fast fünf Milliarden Dollar direkter Schäden.
Auch in den USA spielte das Wetter verrückt: Eine Serie mächtiger Tornados, eine Hitzewelle, die alle Rekorde brach, und eine heftige Hurrikan-Saison trafen alle Teile des Landes. 844 Menschen verloren ihr Leben. Damit kamen die USA als einziger Industriestaat in der Liste auf Platz sieben der am schwersten getroffenen Staaten.
El Salvador und Guatemala, die im Ranking 2011 auf Platz vier bzw. neun stehen, waren bereits in den vergangenen Jahren immer wieder unter den am meisten betroffenen Ländern. Beide Länder sind den Hurrikans, die über dem Atlantik entsehen, extrem ausgesetzt. Auch 2011 wüteten die Wirbelstürme und verursachten Erdrutsche und Überflutungen. Die Schäden beliefen sich in El Salvador auf mehr als eine Milliarde US-Dollar und mehr als 500 Millionen in Guatemala.
Österreich findet sich in der Liste für 2011 auf Rang 92, in der Gesamterfassung der vergangenen 20 Jahre auf Platz 57 mit 181 extremen Wetterereignissen und 30 Todesopfern. Deutschland liegt im KRI übrigens auf dem 37. Rang, einen Platz hinter der Schweiz.
Hitzewellen und Dauerregen in Europa
Millionen Menschen rund um den Globus wurden in den letzten Jahren von extremen Wetterereignissen getroffen. Noch vor einigen Jahren fanden die Wissenschafter kaum eine eindeutige Verbindung dieser Phänomene zum Klimawandel. Inzwischen ist die Forschung jedoch fortgeschritten. Germanwatch hat im aktuellen Klima-Risko-Index auch einige meteorologische Phänomene seit der Jahrtausendwendel aufgelistet und den Grad der Wahrscheinlichkeit, mit der diese dem Klimawandel zugerechnet werden können, berechnet - auch hier in Europa.
2003 stöhnte ganz Europa unter einer Hitzewelle. Es war der heißeste Sommer seit mindestens 500 Jahren. Auf dem gesamten Kontinent waren mehr als 70.000 Tote zu beklagen. Die Experten sind sich inzwischen sehr sicher, dass die extremen Temperaturen auf den Klimawandel zurückzuführen sind.
Der Herbst 2000 sowie die Monate Mai bis Juli 2006 waren in England und Wales die regenreichsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1766. Die Schäden gingen in die Milliarden. Auch hier sehen die Wissenschafter einen Bezug zum Klimawandel.
In der Liste finden sich noch mehr Wetterextreme: Eine Trockenperiode im Winter 2008, wie es sie im östlichen Mittelmeerraum seit 1902 noch nicht gab, Rekordhitze im Sommer 2007 in Griechenland, die verheerende Waldbrände auslöste. Der heißeste Sommer seit 1500 kostete in Westrussland 2010 während als 55.000 Menschen das Leben, rund um Moskau zerstörten 500 Brände Flora und Fauna. Der heißeste und trockenste Frühling seit 1880 ließ 2010 in Frankreich die Getreideernte um 12 Prozent absinken: Auch all diese Ereignisse stehen mit hoher bis mittlerer Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang mit der weltweiten Klimaveränderung,
„Bild der Verwundbarkeit“
Der KRI basiert auf Durchschnittswerten der vergangenen 20 Jahren, doch lassen sich die zehn am meisten betroffenen Länder in zwei Gruppen unterteilen: diejenigen, die immer wieder von Wetterkapriolen getroffen werden und die, die nach einer außergewöhnlichen Katastrophe mit vielen Opfern und großen Schäden weit oben geführt werden. Aktuellstes Beispiel für die zweite Gruppe ist Thailand: Die schwere Flut 2011 „spülte“ das Land im Klima-Risiko-Index vom 55. auf den neunten Rang nach vorn. Nur für das Jahr 2011 betrachtet, führt Thailand das Ranking an. Ähnliches gilt für Europa: Die meisten europäischen Staaten unter den Top 30 im KRI stehen allein deshalb dort, weil es im Rekordsommer 2003 so viele Todesopfer gab. Auch wenn einige oft von Wetterextremen getroffen werden, sind für gewöhnlich die Verluste und Todesfälle im Vergleich zur Bevölkerungszahl und der Wirtschaftskraft relativ gering.
Die Auswertung über die Schäden und Todesopfer erlaube laut Germanwatch zwar keine Aussage darüber, welchen Einfluss der Klimawandel bereits bei all den Ereignissen von 1992 bis 2011 hatte. Doch es lasse sich ein „Bild der Verwundbarkeit der Staaten“ zeichnen. In den kommenden Jahren werden nach Ansicht der Experten die Verluste und Schäden durch den menschengemachten Klimawandel vorraussichtlich weiter zunehmen. „Der aktuell fehlende Ehrgeiz zur Emissionsminderung führt die Welt auf einen Pfad hin zum Anstieg der Durchschnittetemperatur von 4 bis 5 Grad Celsius, mit der Gefahr eines sich selbst verstärkenden Klimawandels und entsprechender drastischer Konsequenzen“, warnt Germanwatch.
Klimagipfel zum Handeln aufgefordert
Die Organisation fordert deshalb von der UN-Klimakonferenz ein ambitioniertes Arbeitsprogramm, mit dem die Klimaschutzambitionen kurzfristig erhöht werden. Außerdem sollten in Doha die Ziele für die zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls vereinbart werden. Schließlich sollten die Industrieländer besonders die Entwicklungsländer sowohl finanziell als auch institutionell unterstützen, um die Katastrophenvorsorge dort weiter zu stärken. Viele Länder haben bereits begonnen, Maßnahmen zu ergreifen, doch es ist noch viel mehr zu tun. (smo)