Weltklimakonferenz

Illusionslos in Doha - Verhandlungen treten auf der Stelle

Schein statt Sein: Während Katar sich einen grünen Anstrich zu geben versucht, droht beim UN-Klimagipfel eine herbe Enttäuschung. Keiner will zu starke Verpflichtungen eingehen - auch durch die EU geht ein Riss. Der deutsche Umweltminister Altmaier hängt die Latte in Doha sehr tief.

Doha – Der Emir, Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, und sein Gefolge bemühen sich: ein paar neue Solaranlagen in Katars Wüste, ein mit deutscher Unterstützung gegründetes Klimainstitut, nur elektronisch verfügbare Konferenzpapiere - damit es nicht die sonst bei Klimagipfeln übliche Blattverschwendung gibt, Sitzgruppen aus recycelter Wellpappe und Banner an den Straßen mit Mahnungen wie „Rettet den Planeten“, „Vorwärts zusammen“ und „Weniger als 2 Grad“. Doch hinter der grünen Fassade sieht es etwas anders aus.

Kein Land stößt so viel CO2 pro Kopf aus wie Katar

Die Öl- und Gasquellen sprudeln. In der Hauptstadt Doha wird gebaut, als gäbe es kein Morgen. Selbst nachts sind die Betonmischer unterwegs - auch wenn der Emir fordert, dass man eine Balance finden müsse zwischen Energiebedarf und Minderung der Erderwärmung. Hierhin liegt ein Grundproblem, das auch mitursächlich ist für den Stillstand kurz vor dem Abschluss der 18. UN-Klimakonferenz in Doha.

Wachstum lässt sich in einer Welt mit mehr als sieben Milliarden Menschen nicht vom Energieverbrauch abkoppeln. Es sind noch genug fossile Ressourcen da, mit denen sich viel verdienen lässt - kein Land stößt so viel CO2 pro Kopf aus wie Katar. Wenn alle Kohle-, Öl- und Gas-Reserven aus der Erde gezogen und verbrannt werden, dürfte aus der Erde ein anderer, ziemlich warmer Planet werden.

Altmaier für weltweiten Umbau der Energiewirtschaft

Daher fordert der deutsche Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) am Donnerstag von den 194 Teilnehmerstaaten eine globale Energiewende. Wenn nicht gehandelt werde, würden einige in diesem Raum bald ihre Häuser verlieren, mahnt er mit Blick auf steigende Meeresspiegel. Doch Altmaier gibt sich keinen Illusionen hin und dimmt Erwartungen herunter. Umweltschützer vermissen Taten nach seinen hehren Worten.

Unklarheit besteht bisher bei allen wichtigen Fragen, vor allem aber: Was sind die Staaten bis 2020 bereit zu tun? Erst dann soll es einen Weltklimavertrag mit Verpflichtungen zur CO2-Reduzierung für alle geben. Doha steht bisher für Rückschritt und Stillstand. Auch wenn der Mehrheit der 17 000 Teilnehmer klar sein dürfte, dass ein Weiterso unverantwortlich ist, wollen sich Länder wie eben auch Katar ihr Geschäftsmodell verständlicherweise nicht zerstören lassen. So wird immer mehr „Müll“ in der Atmosphäre deponiert, über 34,7 Milliarden Tonnen CO2 allein im vergangenen Jahr - mal wieder ein Rekord.

Euro-Länder wie Portugal haben zwar zuletzt stärker als erwartet ihre Kohlendioxidemissionen reduziert, aber auch nur wegen eines Wirtschaftseinbruchs. Und in Deutschland ist auch nicht alles grün: Vattenfall erzeugt so viel Braunkohlestrom wie seit der Wende nicht mehr, um die schwankende Wind- und Solarstromproduktion abzufedern.

EU verliert ihren Anspruch, Klimaschutzvorreiter zu sein

Eine Haupterkenntnis in Doha: Die EU verliert wegen der eigenen Uneinigkeit ihren Anspruch, Klimaschutzvorreiter zu sein. Eigentlich will man das Kyoto-Protokoll bis 2020 verlängern, um zumindest für die 27 Mitgliedstaaten und rund zehn weitere Länder klare Verpflichtungen für die „Leerphase“ bis zum Weltklimavertrag festzulegen. Doch in dem Entwurf für das Abschlussdokument ist kaum etwas geklärt, was nicht nur der EU anzulasten ist. „Es gibt überall Klammern, Alternativformulierungen, offene Fragen“, sagt Altmaier.

„Es gibt keine echte Europäische Union mehr“

Die Selbstblockade und der Verlust einer gemeinsamen Stimme in Sachen Klimaschutz wirft kein gutes Licht auf den Gesamtzustand der EU. „Es gibt nur noch eine Eurorettungszone, aber keine echte Europäische Union mehr“, meint resigniert der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Olaf Tschimpke.

Um aus dem Kyoto-Protokoll II mehr als ein eher symbolisches Klimaschutzbekenntnis zu machen, müsste die EU ihr Ziel bei der CO2-Ausstoß-Reduzierung von 20 auf 30 Prozent anheben - die 20 Prozent sind bereits heute quasi erreicht. Die Philosophie der „30-Prozent-Fraktion“: Ein Voranschreiten könnte andere Länder dazu bewegen, in den acht Jahren bis 2020 freiwillig auch mehr zu tun.

Am Pranger steht innerhalb der EU gerade Polen, doch auch die Worte von Umweltminister Marcin Korolec entbehren nicht einer gewissen Logik. „Wir blockieren niemanden, der Zuhause mehr tun möchte“, sagt er. „Wir sind bereit für ein 30-Prozent-Ziel, sobald der angestrebte Weltklimavertrag zustande kommt.“ Das ist sozusagen die Gegenphilosophie: Erstmal sollen auch andere wirklich liefern. Doch China, die USA, Saudi-Arabien und Co. blockieren wie eh und je - sie zeigen genüsslich mit dem Finger auf das zerstrittene Europa.

Dennis Meadows, Kopf der Studie „Die Grenzen des Wachstums“, sieht die Welt mittlerweile in einer Achterbahn - in Schussfahrt nach unten. „Der gegenwärtige Energieverbrauch wird uns in einen katastrophalen Klimawandel führen“, betonte er diese Woche in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Es ist eine Zeremonie, mehr nicht“, sagt Meadows über den Klimagipfel. Der auch in Doha bemühte Begriff „nachhaltige Entwicklung“ sei angesichts der Realität eine „unsinnige Vokabel wie friedlicher Krieg“.

Auch Berlakovich stellte keine großen Fortschritte fest

Österreichs Umweltminister Nikolaus Berlakovich sprach bereits am Dienstag zwar von Verhandlungen, die nun „intensiver“ geführt würden. Dennoch konnte auch er keine großen Fortschritte feststellen. Die weltgrößten Produzenten von Treibhausgasen wie China, Indien und die USA hätten sich „bis jetzt nicht bewegt“, berichtet Berlakovich aus Doha. „Wie man in Durban vor einem Jahr gesehen hat, ist es wichtig, Druck zu machen und viele Gespräche zu führen. Da kann dann schon ein Verhandlungsmoment herauskommen, das auch zu Ergebnissen führt. Es ist ohnehin schon sehr spät, es muss ja gehandelt werden.“

Doch einen Tag vor dem geplanten Konferenzende haben die Teilnehmerstaaten noch keinen der Kernpunkte gelöst. (dpa/APA/tt.com)