Gesundheit

Wenn die Angst den Alltag lähmt

Angststörungen sind auf dem Vormarsch. Sie erschweren teils massiv den Alltag Betroffener, werden vom Umfeld aber oft nicht ernst genommen. Viele Patienten scheuen auch die Last einer professionellen Behandlung. Nicht jede Angst ist allerdings gleich krankhaft, betont Psychologin Barbara Hellweger.

Von Elke Ruß

Ein Pkw-Lenker tippt während einer rasanten Fahrt SMS und der Beifahrer fürchtet um sein Leben. Das ist nicht panisch, sondern völlig vernünftig, betont die Imster Psychologin Barbara Hellweger. Selbst bei vorbildlichem Verhalten eines Lenkers kann Furcht ganz normal sein: wenn man etwa vor Kurzem einen Angehörigen bei einem Autounfall verloren hat oder selbst in einen Crash verwickelt war. Allerdings sollte sich dieses Problem wieder legen und nicht zur krankhaften Störung auswachsen.

Tatsächlich werden Angststörungen immer häufiger: „Jeder siebente Mensch ist im Laufe seines Lebens einmal betroffen“, weiß Hellweger. Bereits die Hälfte ihrer Klienten kommt deswegen in ihre Praxis, auffällig sei eine Häufung bei Frauen zwischen 20 und 30. Und ganz oft taucht da die Frage auf: „Wie viel Angst ist eigentlich noch normal?“

Angst an sich ist ja nicht zwingend negativ: „Ohne sie hätten wir nicht bis heute überlebt“, spricht die Psychologin das Zurückschrecken vor Abgründen oder Raubtieren an. „Angst ist ein Mobilmachen des Körpers für eine sehr schnelle Reaktion: Kampf oder Flucht oder Totstellen.“

Schwierig wird es, wenn eine Angst den Alltag massiv einschränkt, wie jene vor Einkaufszentren. „Das Problem ist oft, dass die Leute auch extrem hypersensibilisiert sind und dann Angst vor der Angst kriegen.“ Betroffene würden sich häufig selbst verrückt machen – sogar wenn es um etwas gehe, vor dem ein Großteil der Bevölkerung Angst hätte. Harmoniestreben hindere sie aber daran, dem simsenden Lenker zu sagen: „Mit dir fahre ich nicht mehr mit!“

Oft steigert sich eine anfangs vernünftige zur krankhaften Angst. Bei den Ursachen dafür geht man von einem „bio-psychosomatischen Modell“ aus: Angeborene Faktoren wie eine starke Ausschüttung von Angsthormonen spielen eine Rolle, aber auch die Erziehung und Stress – akut ebenso wie als Dauerbelastung. Wenn die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, damit umzugehen, „wird das als Bedrohung wahrgenommen“ – mit Begleiterscheinungen wie Gedankenkreisen, was passieren könnte, Herzrasen, Schwindel bis zu Ohnmachtsgefühlen, „was bei einer massiven Bedrohung im Körper normal wäre“: Durch mehr Muskelspannung und Durchblutung bereite man sich ja auf Kampf oder Flucht vor.

Angst vor dem Fliegen, vor der Höhe, vor Spinnen – oder dem Kaufhaus: Die Strategie ist vielfach Vermeidung. „Das sollte man nicht tun, denn das kann sich generalisieren und ausdehnen, bis man nicht mehr in der Lage ist, das Haus zu verlassen.“ Ein Zusatzproblem: Selbst wenn Betroffene sich Angehörigen offenbaren, werden ihre Zustände häufig nicht ernst genommen. Die klassische Reaktion ist: „Reiß dich halt zusammen!“

Die gute Nachricht: „Ängste sind Gott sei Dank relativ gut behandelbar“, erklärt Hellweger. Man könne nicht jedem Klienten dieselbe Methode überstülpen, im Wesentlichen bewege man sich aber von der Analyse der Ängste über Entspannungstechniken und kognitive Verhaltenstherapien zur Annäherung an das, was Angst macht: Dies kann radikal sein, sodass jemand mit Höhenangst gleich aufs Hochhaus geht, „oder in kleinen Schritten“: Betreffende arbeiten sich von der geringsten Angst (in ein kleines Geschäft gehen) langsam bis zur massivsten Angst (Einkaufszentrum) vor.

Ganz wichtig findet die Psychologin, „ein Mut-Tagebuch zu führen: Betroffene sehen die positiven Dinge ja oft nicht oder bagatellisieren sie.“

Anfangs sei mindestens eine Therapiesitzung in der Woche sinnvoll, später wachsen die Abstände. Der Wermutstropfen: Die Behandlung muss der Klient selbst berappen. Er sollte aber im Rahmen von zehn Sitzungen gute Fortschritte spüren, sagt Hellweger. Auch Ratgeber und Selbsthilfegruppen könnten hilfreich sein.

Nicht selten ist die Angststörung mit einer Depression gekoppelt. Dann könne eine medikamentöse Therapie unter Facharztbegleitung sinnvoll sein. Unbedingt abzuraten sei von jeglicher Eigenmedikation – auch mit Alkohol.

Und was kann man in der akuten Notlage tun, wenn die Angst kommt? „Andere Hirn­areale beschäftigen“, rät Hellweger: „Singen ist eine Möglichkeit, das machen viele Kinder ganz intuitiv, oder Zapfenrechnen. Das können aber die wenigsten.“ Helfen könne auch die Aktivierung der Sinne: „Was sehe, höre, rieche, spüre ich im Moment?“