Flammende Appelle an die Welt

Dutzende Tibeter haben sich seit 2009 aus Protest gegen China selbst angezündet. Die Selbstverbrennung ist ein Zeichen der Ohnmacht und ein unübersehbarer Appell an die Welt, erklärt Experte Christian Braune.

Von Elke Ruß

Ein junger Mann läuft am Mittwoch in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu in ein Restaurant, übergießt sich mit Benzin und zündet sich an. Gäste rufen um Hilfe, herbeieilenden Polizisten gelingt es, die Flammen zu löschen. Der etwa 20-jährige Mann wird mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.

Die Behörden in Nepal und ein Vertreter des Dalai Lama, Tempa Tsering, sprechen vom hundertsten Fall einer Selbstanzündung eines Tibeters seit dem Jahr 2009 aus Protest gegen China. Großteils verübt von Mönchen und Nonnen, die meisten sind an ihren Verletzungen gestorben. „Wir sind sehr traurig, dass das passiert ist, denn die tibetische Regierung ruft die Bevölkerung seit Langem auf, von derlei extremen Maßnahmen abzusehen“, erklärte Tsering zum jüngsten Fall.

Die Regierung Chinas, das Tibet seit 1951 besetzt hält, geht mit zunehmender Härte gegen Selbstverbrennungen vor: Ende Jänner wurde ein 40-jähriger Mönch laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua sogar zum Tod verurteilt. Er und sein Neffe hätten in der Provinz Sichuan „acht Menschen angespornt und genötigt, sich selbst zu verbrennen“, drei Menschen seien gestorben, hieß es. Das Todesurteil gegen den Mönch werde voraussichtlich in eine 25-jährige Haftstrafe umgewandelt werden. Sein Neffe soll zehn Jahre hinter Gitter. Im Februar gab es in der bislang größten Aktion der chinesischen Behörden gegen regimekritische Selbstverbrennungen 70 Festnahmen.

Sich dem grausamen Feuertod freiwillig auszuliefern, erscheint unbegreiflich. Was steckt dahinter, wenn ein Mensch sich aus politischem Protest in Flammen setzt? Der Theologe und Psychothera­peut Christian Braune hat jahrelang in einem Brandverletztenzentrum in Hamburg gearbeitet und über „Feuerzeichen – warum Menschen sich anzünden“ dissertiert. Die Selbstverbrennung der Tibeter sei „sicher ein Fanal, ein politisch-existenzieller Protest“, sagt Braune. „Suizid hat immer damit zu tun, dass Kommunikation zusammen­bricht: Ich kann nicht mehr reden, aber auch nicht schwei­gen. Das, was im per­sön­lichen Krisengeschehen einen Ausdruck finden muss, tut es in der Extremsituation im Suizid.“

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Hinter der Selbsttötung stünden vier Grundbestrebungen: Wut und Aggression gegen andere, aber auch gegen sich selbst, ein Schrei um Hilfe und der Wunsch, Ruhe und Frieden haben zu wollen. „Diese vier Dinge gibt es auch in den politischen Suiziden, auch bei den Tibetern: Wenn ein brennendes Problem weder auf politischer Ebene noch persönlich zu lösen ist, dann führt das in die Ausweglosigkeit und Ohnmacht. Da bleibt für manche Aktivisten nur das Fanal, das gleichzeitig ein Appell ist – ein Hinweis, dass sich etwas ändern muss, dass etwas neu entstehen muss, wie Phönix aus der Asche.“

Die Situation der Tibeter sei deshalb so existenziell, weil es um ihre Heimat gehe. „Nicht nur regional, sondern um die Beheimatung in ihrer Kultur.“ Menschen das zu nehmen, gehöre mit zum Schlimmsten, was man ihnen antun könne.

Doch warum das Feuer als Weg? „Weil es sichtbar ist“, sagt Braune. „Es entspricht dem brennenden Problem, ist wie eine Fackel in der Dunkelheit. Es ist paradox: Wer sich anzündet, ist so sichtbar wie sonst nirgends ein Mensch – gleichzeitig kann ich ihn nicht anfassen, weil er zerfällt: ,Seht mich!‘ und ,Ich bin schon weg!‘ und ‚Werdet endlich aufmerksam: Es geht um Leben und Tod!‘“ Beim Feuersuizid gehe es darum, eine letzte Botschaft zu hinterlassen, „und das ist die Tat selbst“.

Die Selbstverbrennung kommt auch bei uns nicht so selten vor: Braunes Recherchen in Hamburg zufolge lag bei zehn von 100 Brandverletzten ein Suizidversuch vor. „Häufig ist da im privaten Bereich die brennende Scham über etwas, das ich getan habe. Das Feuer in der Seele wird mit dem des Körpers gelöscht. Das ist aber eine andere Dynamik als im politischen Bereich.“

Universell ist das Feuer „das große Symbol für Schöpfung und Leben, es wandelt Elemente, härtet Metall, ist Licht und Schutz“. Die Anthropologie verknüpft die Entwicklung zum Homo sapiens mit der Kultivierung des Feuers. Die kirchliche Tradition kennt etwa das Fegefeuer als Läuterung, das Osterfeuer als neues Licht am Ostermorgen. In der endzeitlichen Vorstellung „holt Christus alle in das große Licht, in dem es keinen Schatten gibt“.


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