„Täuschung der Verbraucher ist eher die Regel als die Ausnahme“

Verbraucher haben kaum Chancen zu erfahren, aus welchem Land verarbeitete Lebensmittel kommen. Daran ändern auch Skandale nichts.

Von Liane Pircher

Innsbruck –Der Pferdefleischskandal ist ein Betrug. Einer, der gesundheitlich schwer einzuschätzen ist und damit nur indirekt mit Lebensmittelsicherheit zu tun hat. Trotzdem zeigt dieser, wo das größte Minus in der Lebensmittelindustrie liegt: mangelnde Transparenz. Die geltenden EU-Vorschriften machen es Verbrauchern unmöglich zu erfahren, woher ein verarbeitetes Lebensmittel kommt. Wer in einem österreichischen Supermarkt eine Tomate kauft, findet auf Schildern, woher diese kommt.

Wer im selben Geschäft allerdings eine Tiefkühlpizza oder eine Dose geschälter Tomaten kauft, weiß nicht, wo die rote Frucht angebaut wurde. Anders als bei frischer Ware müssen Hersteller von verarbeiteten Lebensmitteln das Herstellungsland nicht angeben. Und selbst, wenn das „Herkunftsland“ genannt wird, heißt das noch gar nichts. Denn bereits ein in Österreich abgefüllter Tomatensaft oder eine hier verpackte Pizza kann die Kennzeichnung „aus Österreich“ tragen. Es zählt der letzte Verarbeitungsschritt.

„Momentan ist es für Verbraucher praktisch unmöglich herauszufinden, woher ein verarbeitetes Lebensmittel kommt“, kritisiert Andreas Winkler von der Verbraucherorganisation Foodwatch. „Erlaubt ist, was nicht verboten ist“, heißt es dazu von Fabian Fußeis, Sprecher des Gesundheitsministeriums. Was die Vertuschung der Herkunft von Lebensmitteln angeht, ist momentan seitens der EU – soweit es nicht die Lebensmittelsicherheit betrifft – wenig verboten. „Die Lebensmittelhersteller wehren sich seit Jahren gegen mehr Transparenz“, kritisiert Foodwatch. Verschärft wird diese Situation durch die Zunahme von Importen aus China und Schwellenländern. Die importierte Ware kommt hauptsächlich über große Häfen wie Hamburg in die EU, nur ein kleiner Teil gelangt direkt, etwa über den Flughafen Wien, nach Österreich. Für solche Importe gelten zwar Zusatzbestimmungen, geöffnet werden die verplombten Container – etwa von Veterinärmedizinern – aber nur bei Zweifeln.

Auffällig: Aus China importierte Lebensmittel tauchen im Frühwarnsystem der EU besonders oft mit Mängeln auf. Allein 2012 gingen rund 300 Meldungen zu chinesischen Produkten ein – von mit Antibiotika verseuchten Shrimps bis hin zu Früchten mit zu hohem Schwefelgehalt. Im Preiskampf der „billigsten Lebensmittel“ gehen diese Kontrollen unter. „Moderne Lebensmittelproduzenten verhalten sich nicht anders als etwa Textilhersteller – Rohstoffe werden dort gekauft, wo es am billigsten ist“, so Foodwatch. Solange die Lebensmittelsicherheit garantiert sei und der Konsument davon wüsste, spreche nichts dagegen. Fakt ist jedoch, dass „Made in China“ bei vielen Verbrauchern weniger gut ankommt. Das wissen die Hersteller. Und setzen deshalb lieber auf das Vertuschen. Solange diesem per EU-Gesetz kein Riegel vorgeschoben werde, bleibt es laut Footwatch so, wie es ist: „Die Täuschung der Verbraucher im Supermarkt ist eher die Regel als die Ausnahme.“

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