Halbe Portionen brauchen ganzen Schutz

Nach schweren Skiunfällen von Kindern drängen sich Fragen nach der Sicherheit auf. Experten beruhigen: Eine Häufung sei nicht zu erkennen.

Von Christoph Mair

Innsbruck –Ein englisches Mädchen prallt vergangenen Sonntag beim Skifahren im Zillertal gegen einen Baum. Trotz rascher Erster Hilfe stirbt die Zehnjährige, die einen Helm getragen hat, in der Klinik.

Zwei Tage darauf schockt ein ähnlicher Horror-Unfall eines deutschen Buben Saalbach-Hinterglemm in Salzburg. Gleichzeitig kommen vergangene Woche in der Wildschönau die Retter nicht zur Ruhe. Gleich dreimal müssen sie junge Wintersportler aus einem steilen, vereisten Graben holen.

Die Nachrichten beunruhigen. Wird der Wintersport immer gefährlicher für die Jungen? Gehen sie selbst zu viel Risiko ein? Für Experten sind die aktuellen Unfälle tragische Einzelfälle. Eine Häufung schwerer Pistenunfälle von Kindern und Jugendlichen sei jedoch nicht zu beobachten, beruhigen sowohl Michael Blauth, Direktor der Unfallchi­rurgie an der Innsbrucker Uniklinik als auch Andreas Würtele, Geschäftsführer des Kuratoriums für Alpine Sicherheit (KAS).

„Wir haben heuer sicher keinen neuen Rekord an schweren Kinderunfällen“, sagt Blauth. Und Würtele gibt zu bedenken, dass in der laufenden Hochsaison und Ferienzeit auch besonders viele Kinder auf den Pisten zu finden sind. „Je mehr Leute unterwegs sind, umso mehr passiert auch.“ Exakte aktuelle Zahlen zu verunglückten jungen Wintersportlern seien jedoch Mangelware. Eigene Aufzeichnungen würden nicht geführt bzw. erst zu Saisonende ausgewertet, hieß es auf TT-Anfrage. Würtele hat jedoch die aktuelle Gesamtzahl der Verletzten auf Tirols Skipisten parat: Bis vergangenen Mittwoch seien es 1168 gewesen, ein Rückgang gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr mit 1863 Verletzten. Ein Anstieg sei bei den Todesfällen zu verzeichnen, die von sechs auf zehn gestiegen sind. Die Hälfte der tödlichen Unfälle habe ihre Ursache in Herz-Kreislauf-Problemen.

Schwere bzw. sogar tödliche Unfälle von Kindern seien zwar im Einzelfall tragisch, zum Glück aber die große Ausnahme, betont der KAS-Geschäftsführer. Bei Stürzen würden Kinder instinktiv besser fallen und sich auch dank ihrer elastischeren Knochen weniger oft verletzten als Erwachsene, ergänzt Michael Blauth. Die Verletzungsmuster zwischen größeren und kleinen Pistenflitzern würden sich nicht sonderlich unterscheiden. Die Klassiker seien unabhängig vom Alter Beinverletzungen. Auch Entwicklungen beim Material hätten zu keinen nennenswerten Änderungen bei den Verletzungsbildern geführt. Jedoch sei bei Kindern besonders der Kopf durch sein höheres Gewicht und seine Größe bei Stößen in Gefahr. Eine neue Untersuchung von Radiologie und Unfallchirurgie habe gezeigt, dass in den vergangenen zehn Jahren der Anteil von Schädel-Hirn-Traumata bei den an der Klinik behandelten Skiverletzungen von elf auf vier Prozent gesenkt werden konnte. Blauth führt das auf den Siegeszug des Skihelms, mittlerweile auch bei Erwachsenen, zurück. Bei der Verwendung von Rücken- und Handgelenksprotektoren gehen die Meinungen auseinander. Vom Mediziner Blauth kommt eine eindeutige Empfehlung. Würtele ist zurückhaltender. Studien zeigten Unterschiedliches „und es ist sicher übertrieben, dass jeder mit Ritterrüstung auf der Piste steht“. Für spezielle Disziplinen wie das Freeriden seien Protektoren hingegen anzuraten. Die Gefahren auf der Piste seien kalkulierbar, sagt Würtele, die positiven Auswirkungen auf Gesundheit und Bewegungsfähigkeit würden weit überwiegen. Das zeige auch die Statistik. Diese weise einen Toten auf 13,5 Millionen Abfahrten aus. Der KAS-Experte rät Eltern, ihre Kinder auch mit den Pistenregeln vertraut zu machen, „allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger“.

In einem Bericht vor wenigen Tagen wurde im Zusammenhang mit einem Lawinenunglück auch der Unfall eines 15-Jährigen in der Axamer Lizum erwähnt. Der Vater des Jugendlichen stellt hierzu klar, dass sein Sohn sehr wohl mit eingeschaltetem LVS-Gerät und Reflektoren ausgerüstet war.

Der 15-Jährige starb nicht unter einer Lawine, sondern war gestürzt und konnte sich nicht mehr aus dem Schnee befreien. Innerhalb kürzester Zeit dürfte er, nur knapp neben der gesicherten Piste, komplett eingeschneit worden sein. Der Jugendliche habe sich stets sehr für Lawinenkunde interessiert und sei gut ausgerüstet gewesen.


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