„Wir brauchen jetzt einen mutigen Papst“

Der von der Befreiungstheologie geprägte Bischof Erwin Kräutler hofft auf eine Strukturreform hin zur Stärkung der Ortskirche.

Wien, Brasil – Der gebürtige Vorarlberger Bischof Erwin Kräutler (73) ist seit 1981 Bischof in der flächenmäßig größten Diözese in Brasilien. Der engagierte Kirchenmann bekam für seinen jahrzehntelangen Einsatz für die indigenen Völker und deren Umwelt im Jahre 2010 den Alternativen Nobelpreis verliehen. Der von der Befreiungstheologie geprägte Dom Erwin riskiert für seinen Einsatz für Indios, Kleinbauern und Landarbeiter, seinen Einsatz für die Rechtlosen und seinen Kampf gegen die Umweltzerstörung Leib und Leben. Er hatte rechtliche Schritte gegen eine Gruppe unternommen, die in den sexuellen Missbrauch von Kindern verwickelt war. Wegen seines Einsatzes gegen den Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte hatte er mehrfach Morddrohungen erhalten. 1987 überlebte er nur knapp einen Anschlag. Wir erreichten Dom Erwin am Donnerstag in Brasilien.

Wie ist die Rücktrittserklärung von Papst Benedikt XVI. in Ihrer Umgebung in Brasilien aufgenommen worden?

Kräutler: Die Leute wussten zuerst gar nicht, was passiert ist. Man hat gemeint, es sei ein Faschingsscherz. Ich habe dann aber sofort im Internet nachgeschaut und gesehen, dass es stimmt.

Verstehen Sie den Rücktritt?

Kräutler: Ich habe immer gesagt, wenn die Bischöfe angehalten sind, mit 75 Jahren ihren Rücktritt anzubieten, dann muss das auch für den Bischof von Rom gelten. Benedikt XVI. ist schon 85, er hat eine gravierende, aber freie Entscheidung getroffen. Das ist sein gutes Recht.

Als Vorsitzender der Glaubenskongregation ist Joseph Ratzinger mit der Kirche in Lateinamerika hart ins Gericht gegangen. War er als Papst gemäßigter?

Kräutler: Ich denke, dass Papst Benedikt nicht mehr der Joseph Ratzinger war, der damals so arg mit der Befreiungstheologie umgegangen ist.

Aber er hat den rechten Piusbrüdern und nicht den Befreiungstheologen die Tür geöffnet.

Kräutler: Es gibt verschiedene Formen der Theologie. Die Befreiungstheologie ist eine davon. Sie hat ihren Stellenwert in der Kirche und ist biblisch; dagegen wird der Papst nichts haben können.

Zum nächsten Papst: Welche Vorstellungen haben Sie?

Kräutler: Ich bete zum Heiligen Geist, dass wir einen Seelsorgerpapst bekommen. Das heißt einen, der an der Basis gewirkt hat und daher die Sorgen und Nöte der Menschen kennt.

Und was soll er in der Kirche strukturell verändern?

Kräutler: Natürlich muss auch eine Strukturreform durchgezogen werden. Mit viel Mut. Es geht um eine Dezentralisierung der katholischen Kirche. Die Ortskirchen, die Bischofskonferenzen müssen mehr Rechte bekommen. Sie wissen, was im Land los ist, und können daher wirklich darüber befinden, was am besten ist für die dortige Kirche. Ich kann mir außerdem vorstellen, dass Umfragen gemacht werden: dass sich jeder Bischof mit seinem Priesterrat, aber auch Laiengremien zusammensetzt, um bestimmte Themen zu diskutieren und die Ergebnisse dann als offizielle Meinung seiner Diözese im Vatikan abgibt.

Soll der neue Papst im Geist von Johannes XXIII. das II. Vatikanische Konzil fortschreiben?

Kräutler: Das Konzil ist für mich bis heute nicht abgeschlossen. Die Türen müssen weiter geöffnet werden. Vieles von dem, über das wir hier reden, hat der soeben verstorbene Innsbrucker Bischof Stecher in seinem letzten Buch „Spätlese“ wunderbar zum Ausdruck gebracht; ich habe ihn sehr geschätzt und war freundschaftlich mit ihm verbunden.

Soll der kommende Papst aus Lateinamerika kommen? Immerhin leben in Südamerika die meisten Katholiken.

Kräutler: Ob der nächste Papst aus Asien, Afrika, Amerika oder Europa kommt, ist nebensächlich. Entscheidend ist, dass er ein Seelsorger ist und ein offenes Herz für die Menschen hat.

Kennen Sie einen Kandidaten, der das machen könnte?

Kräutler: Es gibt verschiedene Kandidaten, aber ich will keine Namen nennen.

Zuletzt hat es immer wieder Berichte gegeben, Sie würden erneut bedroht. Wie geht es Ihnen?

Kräutler: Ich kann nicht sagen, dass jetzt eine ganz offensichtliche Bedrohung da ist. Ich stehe seit sieben Jahren unter Polizeischutz. Die äußere Freiheit habe ich damit verloren, aber die innere behalte ich mir.

Das Interview führten Johannes Huber und Michael Sprenger


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