Bären suchen neue Besitzer

Bei der Berlinale gibt es zwar keinen klaren Favoriten, aber viele starke Frauen.

Berlin –Der Ehrenpreis der Berlinale wurde bereits am Donnerstagabend an den Mann gebracht: Er ging an den französischen Filmemacher Claude Lanzmann, der mit seinem Dokumentarfilm „Shoah“ (1985) über den NS-Völkermord an den Juden Filmgeschichte geschrieben hat. Eine Prognose, welcher Film heute Samstag den Goldenen Bären der 63. Internationalen Filmfestspiele von Berlin erringen wird, ist diesmal allerdings besonders schwer. Bis knapp vor Schluss gab es keinen Film im Wettbewerb, der mehr als diskreten Beifall gefunden hätte. Von den deutschen Kritikern wurde der Beitrag des in seiner Heimat mit Berufsverbot belegten iranischen Regisseurs Jafar Panahi, „Parde“, hoch gehandelt. Die internationale Kritik bevorzugte den rumänischen Film „Child‘s Pose“ von Calin Peter Netzer; auch Ulrich Seidls „Paradies: Hoffnung“ kam da gut weg. Das Publikum favorisierte indes „Gloria“ aus Chile.

Wen Jury-Präsident Wong Kar-Wai und sein Auswahlteam rund um Hollywood-Star Tim Robbins und den deutschen Regisseur Andreas Dresen am Ende küren werden, steht freilich noch in den Sternen. Auch wenn es keinen unumstrittenen Favoriten gab, stand am Vortag der Preisverleihung zumindest eines fest: Die Frauen werden diesmal kräftig mitmischen. Wie in „Gloria“ stehen in fast der Hälfte der Filme starke und weniger starke weiblich­e Figuren im Mittelpunkt. Auch bei Seidls letztem Teil der „Paradies“-Trilogie wurde mit Melanie Lenz, der Jugendlichen im Diätcamp, eine junge Frau von der Kritik besonders hervorgehoben. Freitagnachmittag stellte außerdem noch die französische Diva Catherin­e Deneuve ihren neuen Film „Elle s‘en va“ vor.

Während sich also der diesjährige Berlinale-Jahrgang als einer der starken Frauen erwiesen hat, wurde am Rande des Festivals auch über die Situation des weiblichen Filmschaffens im Allgemeinen diskutiert. Als „sehr schlecht“ bezeichnete die Geschäftsführerin des Drehbuchforums Wien, Wilbirg Brainin-Donnenberg, die Situation der weiblichen Filmschaffenden in Österreich. Das Land liege im europäischen Vergleich weit zurück, deutlich hinter Deutschland. Bei der Veranstaltung „You Cannot Be Serious“, einer Diskussion zum Status von Regisseurinnen in der Filmbranche am Rande der Berlinale, sprach sie von einem „strukturellen Problem“. Der Titel der Veranstaltung bezieht sich auf den ersten internationalen Protest anlässlich des Filmfestivals 2010 in Cannes („You Cannes Not Be Serious“), wo Frauen im Filmgeschäft dagegen protestiert hatten, dass erst einmal in der Geschichte des französischen Filmfests eine Frau mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden war. Nur viermal haben bisher Regisseurinnen in Berlin und Venedig den Hauptpreis erhalte­n.

„Die Filmbranche ist männerdominiert“, sagte Brainin-Donnenberg, die auch den „FC Gloria Frauen Vernetzung Film“ leitet. „Es gibt die Frauen in Österreich“, fügte sie hinzu und nannte Namen wie Jessic­a Hauser, Sabine Derflinger oder Ruth Beckermann. Aber in Vergleichszahlen mit den Männern im Filmgeschäft sehe es traurig aus.

Im Experimentalfilm fände man noch Österreicherinnen, wenige im Dokumentarfilm, aber kaum mehr im Spielfilm: Je teurer die Produktion, desto weniger Frauen an der Spitze. „Es gibt so wenige Produzentinnen“, sagte Brainin-Donnenberg. (APA, dpa, TT)


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